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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 2 · p. Seite 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 2
Article
Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes
Date
1932-01-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Albert Lewkowitz göttlichen Kraft. Alle Grenzen der Individualität zu sprengen und eins zu werden mit dem unendlichen All in der heroischen Kraft des Fühlens und Schauens ist der Sinn und die Bestimmung des genialen Menschen. Mahomet, Werther, Faust sind die großen Symbole dieser Lebensschau. Diese Religion des Titanismus kennt aber nur die unendliche Natur, nicht die Geschichte endlicher Menschen als Offenbarung Gottes, wie sie nur das Recht der Leidenschaft, nicht der Vernunft anerkennt. So ist Goethe jetzt selbst M o s e nicht der von Gott geleitete und erleuchtete Befreier und Gesetzgeber seines Volkes, sondern der in die Geheimnisse Gottes eingeweihte Freund Gottes, der allein den Sinai besteigt, während das Volk in der Ferne bleibt, der göttliche Mensch, nicht der von Gott an sein Volk gesandte Prophet. Die Züge dieses Moses gibt Goethe, wie Burdach gezeigt hat, seinem Faust, der Gott von Angesicht zu Angesicht schauen will. (Burdach: Faust und Moses, S. 645 ff.). In Weimar wird der Titan zum Menschen, lernt er in Beruf und Pflicht Wesen und Wert der menschlichen Beschränktheit kennen. Gegenüber der Durchsetzung des Ich gegen die Welt ist es nun die Bildung des Ich an der Welt, die Opfer und Verzicht, Erkenntnis und Anerkennung der Welt als eines gesetzlichen Ganzen fördert. Tasso und Iphigenie sind der tief innerliche Ausdruck dieser läuternden, heilenden, innerlich formenden Kraft der Humanität. Gottergebenheit, Selbstlosigkeit; Wahrheit, Reinheit sind nun für Goethe.die Züge wahrer Religion. Sie findet er in Spinozas uninteressierter Gottesliebe. Sie verkündet er in dem Gedicht ,,Das Göttliche“: Der edle Mensch sei hilfreich und gut. Unermüdlich schaff er das Nützliche, Rechte. Sei uns ein Vorbild jener geahrieten Wesen! In dieser Religion der Humanität steht Goethe der Religion der Bibel am nächsten. In 11 ä 1 i e n entfaltet Goethe jenes gegenständliche Denken, das ihm die innere Einheit von Mensch und Welt, Natur und Kultur offenbart. Nicht bloß strömendes Leben ist die Natur, sondern das Wirklichwerden der Ideen Gottes. Die zwei großen Triebräder aller Natur sind Polarität und Steigerung, jene der Materie׳ diese dem Geiste angehörig.. Wie aber die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und

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