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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 2 · p. Seite 101

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 2
Article
Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes
Date
1932-01-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes 101 Begründer der Wissenschaft des Judentums, gleich Herder das Wesen des Judentums in der Verbindung seiner historischen Individualität und religiös-menschheitlichen Universalität. Für die Erhaltung und Stärkung dieses historisch-menschheitlichen Charakters des Judentums haben sie gewirkt. So zeigt sich die tiefe Wirkung Herders auf die Begründer der Wissenschaft des Judentums, wie in Herder selbst der Geist der Bibel zur wirkenden Kraft seiner Gottes- und Welterkenntnis geworden war. Ist Herder der Seher der Offenbarungen Gottes in der Geschichte der Menschheit, so ist es der große einheitliche Gehalt des Lebens Goethes, die Einheit der künstlerischen, religiösen und wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt in immer neuer Tiefe des Schauens und Erfahrens zu gewinnen, ,,sich auf verschiedenen Wegen dem Uebersinnlichen zu nähern/' So ist die Religion Goethes nicht ein Einzelnes, Vereinzeltes in seinem Leben, sondern sein tiefstes Bewußtsein vom Sinn der Welt und des Menschenlebens. Die Religion seiner Kindheit ist aufs tiefste durch die Bibel bestimmt. Vor allem die Religion der Patriarchen ist ihm die natürliche Religion: ,,Zum Hirtenstande gehören die Erzväter. Ihre Lebensweise auf dem Meere der Wüsten und Weiden gab ihren Gesinnungen Breite und Freiheit, das Gewölbe des Himmels, unter dem sie wohnten, mit allen seinen nächtlichen Sternen, ihren Gefühlen Erhabenheit, und sie bedurften mehr als der tätige gewandte Jäger, mehr als der sichere sorgfältige hausbewohnende Ackersmann, daß ein Gott ihnen zur Seite ziehe, daß er sie besuchte, an ihnen Anteil nehme, sie führe und rette/‘ So schildert Goethe in Dichtung und Wahrheit den tiefen Eindruck, den die Religion der Patriarchen auf ihn gemacht hat. (Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 4. Buch). Einen weiten Weg innerer Entwicklung hatte Goethe zu durchmessen, bis ihm in Straßburg zu den Füßen Herders die Welt erneut im Lichte Gottes erstrahlte. Jetzt entfaltet sich in strömender Fülle das neue Naturgefühl Goethes, das Gefühl für das Atmen, das Drängen, das Quellen in jedem Gras, in jeder Blume, das Gefühl für den Gotteshauch, der durch die blühende Schöpfung geht. Und wie die Natur das flutende, strömende, schöpferische Leben Gottes ist, ist der Mensch ein Strahl der

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