Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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100 Albert Lewkowitz urteilt Herder, eine große Bedeutung. ,,In Gotteserkenntnis und Staatsauffassung, Gottesdienst und Gesetzgebung aller Völker Europas ist dieser Einfluß des Judentums erkennbar/' (Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch XII). Auch in der Metaphysik, die Herders Geschichtsphilosophie zu Grunde liegt, bleibt der lebendige Gott der Bibel der Gott der Natur und der Geschichte, der im stillen Walten ihrer Gesetze sich offenbart. Das Reich der Humanität ist die Stadt Gottes auf Erden. Zu tief aber ist Herder von der Bedeutung des Judentums ergriffen, als daß sich ihm nicht die Tatsache aufgedrängt hätte, in welchem Druck und welcher Verachtung die Juden das Mittelalter hindurch und noch in seiner Zeit lebten. Er sieht nur einen Weg zur Rettung: Rückkehr ins eigne Vaterland, so gewiß die Individualität eines Volkes sich nur in Freiheit entfalten kann. Um so mehr ist er befremdet, daß dieser Wille zum nationalen Eigenleben den Juden fehle. (Ideen zur Geschichte der Menschheit Buch XII). Damit rührt Herder an die tiefste Frage, die seit der Emanzipation die Kernfrage alles jüdischen Lebens ist. Und gerade im Jahre 1783, während Herder an den Ideen zur Geschichte der Menschheit arbeitet, in denen er diese Frage aufwirft, erschien in der Zeitschrift ,,Deutsches Museum" ein offener Brief eines deutschen Juden an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, in dem um Ueberlassung amerikanischen Landes für das jüdische Volk gebeten wird, um dort auf eigene Kosten jüdische Kolonien anlegen zu können. Mendelssohn hingegen wies im gleichen Jahre einen anderen Weg zur Befreiung der Juden, der wirklich die Tore des Ghetto öffnete, den Weg zur Freiheit durch Anerkennung ihrer staatsbürgerlichen Rechte bei Wahrung ihrer angestammten offenbarten Religion. Seitdem gehen beide Wege durch die Geschichte des modernen Judentums. Folgten Frankel und Geiger dem Wege Mendelssohns und suchten sie das Judentum als Religionsgemeinschaft für alle Zukunft zu begründen, so erwartete Graetz auf die Epoche der Diaspora eine Epoche, in der Volk, Land und religiös-kulturelles Leben wieder eine Einheit bilden würden. Trotz dieser tiefgreifenden Verschiedenheit ihrer Anschauungen über die Zukunft des Judentums sahen aber Frankel, Geiger und Graetz, die