Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 475

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
[Rezension]
Date
1931-01-01
Page
Seite 475 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829975-2829982-2837224--50891-2837329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

47Ö biblischen Büchern, die sie besitzen, überhaupt nicht vor, sondern tritt zuerst־ bei den Propheten Amos, Jeremia und Ezechiel auf. Letztere zuerst bei den Propheten auftauchende Vorstellung sowie die Tatsache, daß ihre mündliehe Ueberlieferung ganz vereinzelte rabbinische Gesetze (wie Peßach-Geschirr, ferner die Aussöhnung mit seinen Mitmenschen am Asterio) enthalten, deuten darauf hin, daß die Falascha-Religion erst entstanden ist, nachdem bereits das Judentum durch die Propheten und viele Schriftgelehrten vertieft worden war. In jener Zeit hat es im Judentum keine Totenopfer mehr gegeben, wohl aber Opfer und Gebete für das Seelenheil verstorbener Sünder, die im Tempel zu Jerusalem stattfanden (Makk 1243) und dieselbe Bedeutung hatten, wie die christliche Seelenmesse. Ganz anders wie diese ist religionsgeschichtlich zu bewerten das animistische Totenopfer der Falaschas (vgl. Scheftelowitz, Altpersische Religion 1920, 14 ff.), das bei den Kamanten, die auch Falaschas sind, sogar auf dem Grabe der verstorbenen Eltern stattfindet. Wenn man nun bedenkt, daß Juden im 1. Jahrhundert Meer und Land durchzogen, um Proselyten zu machen (vgl. Matth 2315) und daß die Proselytenmacherei gerade unter den Juden in hellenistischer Zeit in großer Blüte war, und daß sie eigens eine Propagandaliteratur schufen und überall mit Erfolg Heiden bekehrten, so ist es selbstverständlich, daß sie auch nach dem an Aegypten angrenzenden Aethiopien kamen. Der Talmud berichtet sogar von einem heidnischen Inder, der nach seiner Bekehrung zum Judentum infolge seiner großen Kenntnisse ein Rabbi wurde (Qiddus in 22b). Bei dem damaligen jüdischen Bekehrungseifer ging man nicht immer darauf aus, die Heiden zur vollen Annahme des Gesetzes und zum Eintritt in die jüdische Gemeinde zu gewinnen. Vielfach war das Ziel nur die Bekehrung zu den hauptsächlichsten Grundanschauungen des Judentums. Zwei unserer Hauptzeugen für die erfolgreich betriebene Heidenmission sind Philo und Josephüs. Wären nun die Falaschas echte Juden gewesen, so hätten sie nicht nur ständige Beziehungen zu den benachbarten ägyptischen Juden, sondern auch zu den an der gegenüberliegenden Küste wohnenden Juden in Yemen gepflegt, deren Einfluß ungefähr zu der Zeit, als die Bekehrung der Abessinier zum Christentum erfolgte, so stark war, daß sogar im 4. Jahrhundert die südarabischen Könige das Judentum annahmen. Die Falaschas selbst haben sich übrigens niemals als Juden bezeichnet, sondern nennen sich Falascha bzw. Beta Israel, ähnlich den Christen, die seit ältester Zeit sich in der Kirchenspräche als ״Gemeinde Israel5‘ bezeichnen. Daß die Falaschas etwa Abkömmlinge der verlorenen Stämme des Reiches Israel seien, ist schon deshalb unmöglich, weil sie nicht nur Jerusalem für die heilige Stadt halten, in deren unmittelbarer Nähe das Paradies liegt, sondern auch die Zerstörung des ersten jerusalemischen Tempels betrauern. Da in unmittelbarer Nähe von Aethiopien stets ein lebendiges Judentum pulsierte und die Falaschas in dem 10. bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts in Aethiopien sogar einen mächtigen politischen Staat bildeten, so hätte man zur Zeit des in Aegypten lebenden Maimonides auch von jüdischer Seite von diesem damals starken Falascha-Reiche erfahren, falls die Falaschas von den damaligen Juden als Glaubensbrüder anerkannt worden wären oder die Falaschas den Anschluß an die Juden gesucht hätten. Sie, die nicht nur in sprachlicher, sondern auch in anthropologischer Hinsicht zum großen Teil zu den Agau gehören1, die ein Zweig der hamitischen Kaffitscho sind, üben, wie ich in dieser Monatsschrift 1924 dargelegt habe, manche Negerbräuche. Daß ihre Bibel gerade mit Rut schließt, worin eine Proselytin verherrlicht wird, sollte wahrscheinlich gerade ihnen als Proselyten von besonderer Bedeutungsein. Für Proselyten hatten die jungen Feste, wie Purim und Ghanukah, die nur Erinnerungen an Rettungen der Juden vor Verfolgungen bieten, und ebenso das babylonische Exil keinen besonderen religiösen Wert, weshalb es verständlich ist, daß jüdische Missionare derartiges überhaupt nicht den Proselyten übermittelten. 1 Vor einigen Monaten lernte ich einen etwa 25jährigen Falascha persönlich kennen, der in anthropologischer Hinsicht nur von den Agau abstammen konnte. Er berichtete mir, daß die Falaschas fest überzeugt wären, daß die ahessinischen Kaiser den israelitischen König Salomo zum Stammvater hätten und eigentlich Juden wären.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.