Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 476 (sequence 5)
- Language
- German
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476 Was ihre ReinheitsVorschriften betrifft, so möchte ich darauf hinweisen, daß auch die Mandäer, deren Religion etwa am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. aus einer jüdischen Sekte hervorgegangen ist, sowie die Mohammedaner ebenfalls strenge Reinheitsgesetze besitzen, und daß sämtliche Kaffitscho- Völker, zu denen auch die Mehrzahl der Falaschas gehören, an und für sich gewisse Reinheitsgesetze ausüben, so daß es den jüdischen Missionaren leicht war, daran anzuknüpfen. Ihre Bekehrung zum jüdischen Monotheismus wird, wie ich in einem früheren Aufsatz dargelegt habe, erst im l.Jahrh kurz vor der Zerstörung des zweiten Tempels erfolgt sein, als die römische Weltmacht bestand. Gerade die von den Falaschas hochgeschätzte, ebenfalls in altäthiopischer Sprache abgefaßte Schrift: ,,Die Reden des Abba Elias von Rom“, stammt frühestens aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Da die meisten religiösen Ausdrücke und die Bibel altäthiopisch sind und das Altäthiopische für die Falaschas die heilige Sprache ist, werden ursprünglich wohl zunächst die semitischen Abessinier und dann erst einzelne Agau-Stämme zur sogenannten Falascha-Religion bekehrt worden sein. Wenn nun viele Falaschas, die in sittlicher und geistiger Hinsicht bei weitem die semitischen Abessinier übertreffen, heute den sehnlichen Wunsch haben, in dem Judentum voll und ganz aufzugehen, so halte ich es für eine Pflicht der Juden der Kulturländer, das Werk des Herrn Dr. Faitlowitsch zu unterstützen. Die alten jüdischen Weisen betonen: ,,Kommt ein Heide zu dir, um aus uneigennützigen Gründen in das Judentum aufgenommen zu werden, so nimm dich seiner an und weise ihn nicht ab“ (Mekilta Ex 18, Jalqut § 268). Um wieviel mehr müssen sich die Juden der Falaschas annehmen, da sie sich trotz zahlreicher Verfolgungen von ihrem jüdischen Monotheismus nicht haben abbringen lassen, und ihre Religion von den aus dem Judentum hervorgegangenen Religionen ihm am nächsten steht. Das Gebet, das sie am Sabbatmorgen im Tempel sprechen, zeugt von der Innigkeit ihres Glaubens: ,,O Gott, Du hörst im Himmel das Gebet Deiner Heiligen, höre auch uns, wenn wir in Deinem hl. Tempel zu Dir rufen! O Gott, zürne uns nicht, dulde nicht, daß wir vernichtet werden! Erinnere Dich des Bundes mit unseren Vätern, die Du erlöst hattest aus Egyptens Knechtschaft, und vergib uns unsere Sünden, Fehler und Vergehangen, die uns von Dir getrennt haben. Gott unserer Väter, wende Dich zu uns und laß uns leben! Gott Abrahams, wende Dich zu uns und laß uns leben! Gott Isaaks, wende Dich zu uns und laß uns leben! Gott Jakobs, wende Dich zu uns und laß uns leben! O Herr, leite uns auf den rechten Pfad und gib Frieden Zion und Erlösung Jerusalem“ (Stern a. a. O. 192). Faitlowitsch hat in Addis Abeba für die dort als Zimmerleute, Maurer und Goldschmiede tätigen Falaschas eine Schule errichtet, die von dem amerikanischen Profalascha-Komitee unterhalten wird und unter der unmittelbaren Leitung eines Falaschas steht, der seine Ausbildung in Deutschland und Italien empfangen hatte. Ein anderer intelligenter junger Falascha, Abraham Ben Meir studiert jetzt in Paris. Dessen brennendster Wunsch ist es, zu seinem Volke bald zurückzukehren, um sein in Europa sich angeeignetes j ü d i s c h e s Wissen ihm zu vermitteln. I. Scheftelowitz, Köln. Ernst Simon: Das Werturteil im Geschichtsunterricht mit Beispielen aus der deutschen Geschichte von 1871—1918. (Der neue Geschichtsunterrieht, Bd. 6). Verlag B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1931. Preis geh. Mk. 4.80; geb. 6.— Mk. Wenn wir dies Buch an dieser Stelle ausführlich würdigen, so geschieht es nicht nur deshalb, weil der Verfasser schon des öfteren auf jüdischpublizistischem Gebiete hervorgetreten ist, sondern auch darum, weil das Werturteil auch in der jüdischen Geschichtsforschung und im jüdischen Geschichtsunterricht eine große Rolle zu spielen hat. Es ist auch vielleicht kein Zufall, wenn ein Jude in Teubners rasch wesentlich gewordenen Sammlung: Der neue Geschichtsunterricht, dieses Thema bearbeitet. — Haben wir Juden doch stets in fast allen Geschichtswerken durch einseitig angesetzte Werturteile erheblich zu leiden gehabt. — Wenn man überdies im Auge behält, in welchem Umfang falsch angesetzte Werturteile über Vorgänge aus der Geschichte auch das politische Leben der Gegenwart vergiften, so wird man ermessen, welche Bedeutung diesem Buch zukommt.