Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Vulliauds Übersetzung des Sifra Di-Zeniutha aus dem Sohar und andere neuere Literatur zur Geschichte der Kabbala [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 2)
- Language
- German
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445 Vorgebrachten auch nicht mehr erstaunen. Ebenso paßt in dies Bild intuitiver Philologie, daß die mehrfach im S. Z. vorkommenden unverständlichen, korrupten und ehrlicherweise (solange nicht die Hss. oder Paralleltexte eine bessere Lesart liefern) unübersetzbaren Wörter ohne jede Rechenschaft und Begründung, aber mit einer (aus Knorr von Rosenroth stammenden) naiven Sicherheit übersetzt werden, die wahrhaft frappiert. Ob der Eingeweihte etwa doch schon im Astrallicht ein Lexikon der unverständlichen Soharwörter erblicken und benutzen kann? Woher weiß V., daß קולטרא Buckel heißt? Wie macht man es, um die (gegen den Zusammenhang zu einem eigenen Satz gemachten) Worte בופמין דטיפפא שריקין לא עבדי לא מתעכבין בדובתא, als ob das gar nichts wäre, zu übersetzen:!,hülle de Taiguille (de la Balance) rend glissantes les lettres qui ne fecondent pas, elles en sont empechees en cet endroit, und in einer Anmerkung diese denkwürdige Uebersetzung zwar nicht zu begründen, aber eine noch korruptere Variante anzuführen und kühl und ,,sachlich“ dazu zu bemerken: cela revient au m&me sens! קיטורי דפיגא heißt runion des sources — warum nur? Nun, man darf hier antworten, weil es eben bei Knorr so steht, dessen lebhafte Phantasie für einen Soharübersetzer eine legitime philologische Autorität bildet. Aber verzichten wir auf Analysen von V.s Mut vor unverständlichen Sätzen, den er noch oft hier bewährt, und betrachten wir einige Exempel seiner Uebersetzung verständlicher Teile, an denen die Meriten Vulliauds vielleicht noch sichtbarer zu ־machen sind. , טתקלא קאים בגופיה Die Wage subsistiert durch sich selbst heißt bei V. ״lä Balance est stabilisee dans (so statt des offenkundigen Druckfehlers sans zu lesen) son corps“, nach der Paraphrase nämlich dem corps de P Anden Sacre. Der Unsinn stammt aus Knorr, über Vitals Kommentar. Einen ,,Körper“ des ,,Heiligen Alten“ kennt nämlich der Sohar gar nicht, und erst von der lurjanischen Kabbala ist aus einer Stelle der Idra rabba III, 130b diese Mythologie entwickelt worden, der Sohar selbst kennt nur das Haupt des עתיקא. Daß es sich bei der Beschreibung der ,,Wage“ als mystischem Weltprinzip1 am Eingang des S. Z., wie jeder Satz dort beweist, um betonte, fast paradoxe, Hervorhebung ihrer geistigen Natur handelt, die der Autor in kühnen Bildern wie diesem קאים בגופיה zu umschreiben sucht, müßte schon aufs Richtige führen. Die Inhaltsangabe der Idra rabba beginnt darnach mit einem Satz, dessen Bau sehr einfach ist; da aber die lurjanische Auffassung etwas anderes hineinbringen wollte, wurde der Satz in späten Drucken auseinandergerissen, und der falschen Uebersetzung Knorrs. folgt 1 Ueberigens tritt מתקלא im Soliar sonst nicht in so terminologisch scheinbar fixierter Bedeutung auf. Die häufiger gebrauchte Wendung בחד ״ עתקלא אתקלוsie sind einander gleichgestellt“ kommt z. B. III, 290a in der kleinen Idra auch von der Harmonie des Männlichen und Weiblichen vor, aber im S. Z. ließe sich das Symbol evtl, auch anders auffassen, und es ist immerhin erwähnenswert, daß der eine Generation nach der Veröffentlichung des S. Z. in dem um 1325 verfaßten לבנת הספיר 'D (Ed. 1914, Bl. 4a) gegebene Kommentar zu dieser Stelle sie ganz anders auffaßt. Nach ihm ist die ״Waage“ nicht das Gleichgewicht des Männlichen und Weiblichen, sondern die obere Sophia, die erste geistige Realität, die dem Nichts verbunden ist.