Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 442 (sequence 14)
- Language
- German
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442 Einrichtungen öffentlicher oder privater Natur, noch in irgendwelchen geistigen oder körperlichen Berufen keine Mittel findet zur Befriedigung der notwendigsten Lehensbedürfnisse? Unser Bauer besitzt, wenn er noch so arm ist, immerhin ein wenig Getreide für den Winter, Vorräte an Kartoffeln oder anderen Gemüsen, hat sein eigenes Häuschen, eigenen Stall, während die größere Hälfte des polnischen Judentums nichts von alledem besitzen, und selbst in seiner ärmlichen Wohnung fehlt es dem Juden an gesunder Luft zum atmen.“1 Der Verfasser schildert den Handel und Wandel der jüdischen Hausierer und Kaufleute und Handwerker, die das Gewerbe und die Industrie der polnischen Bevölkerung zugrunde richten. Die Erfahrung habe aber gezeigt, daß man mit Repressalien und Verfolgungen nichts gegen dieses starrsinnige Volk ausrichten könne. Andererseits seien auch alle bisherigen Versuche, das Leben der Juden zwangsweise zu reformieren, sie zur Landwirtschaft zu erziehen, ergebnislos geblieben. ״Es gibt kein Land unter der Sonne, in welchem der wandernde Jude nicht Knochen seiner Väter fände, in welchem das Judentum keine Träne vergossen, keine verzweifelten Gesänge an Jehova gerichtet hätte. Und trotzdem hat er alle schweren Schicksalsschläge, alle Unbill überdauert, er ist Jude geblieben und hat sich dadurch das Recht zu leben erworben. Die Toleranz und die Nachsichtigkeit der Regierungen haben keine Veränderungen im Wesen des Juden hervorgerufen; die Gewährung einiger Bürgerrechte innerhalb der christlichen Bevölkerung, die Oeffnung von Schulen zur Vorbildung von Rabbinern, die geringfügige Kolonisation zur Verwandlung der Juden in Bauern, wie sie in der letzten Zeit unternommen wurden, haben nichts wesentliches zur Erleichterung ihres Loses erreicht. Diese Maßnahmen haben nur die gegenseitige Abneigung und Feindseligkeit erhöht, denn das Hauptübel liegt im religiösen Fanatismus und im starken Charakter dieses Volkes, der sich niemals einem anderen Volke annähert oder sogar befreundet, und keineswegs wird er sich von einem anderen Volke unterjochen lassen. Alles Gerede von Umgestaltung dieses Volkes durch die Einwirkung der christlichen Ge- Seilschaft auf die oder jene Weise ist und bleibt eine Phantasie, wie die Erfahrung von 200 Jahren beweist.“2 ,,Das Judentum ist eine andauernde Plage für unser Volk, die schlimmer ist als die Cholera, da ja diese nicht ewig dauert."3 Es gebe deshalb nur einen Weg: Die Juden auf einem selbständigen Territorium anzusiedeln, mit einer eigenstaatlichen jüdischen Verwaltung, damit dort nur Juden politische und religiöse Herrschaft haben, unter dem Protektorat des Staates, dem das Territorium gehört hätte. Als ein solcher Protektorstaat käme nur Rußland mit seiner unermeßlichen Ausdehnung und den vielen menschenleeren Provinzen in Betracht. Der Abtransport der in Polen sowohl als auch im Inneren Rußlands wohnenden Juden nach einer isolierten Randprovinz im Süden des russischen Reiches, die Schaffung eines eigenen Juden- Staates wäre die einzige und radikale Lösung der Judenfrage für 1 Kwestya Reformy Zydow prze z Klemensa Prze zora, Lipsk 1854, 8.6—7. 2 Ebd. S. 9. 3 Ebd. S. 7.