Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 15)
- Language
- German
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4:43 die Juden ebenso wie für die Nichtjuden. In seinem neuen Staate würde das verfolgte und geplagte jüdische Volk zu neuem Leben wiedererwachen und moralisch geläutert werden. Für die Nichtjuden würde diese Lösung nicht nur Befreiung von einer ,,schweren Plage" und von der, durch sie herbeigeführten wirtschaftlichen Not, sondern auch eine innere moralische Erlösung bedeuten. Denn wie die Verhältnisse jetzt liegen, seien die Christen unwillkürlich ״aus Verfolgten Verfolger (der Juden), aus Unterdrückten Unterdrücker geworden, die die Lehre des Heilands vernachlässigen und das Gebot der Liebe und des Friedens verletzen/'1 Und der Verfasser schließt: ״Ein ,unseliges Volk sind die Juden in der Fremde, ohne Vaterland, geplagt und verfolgt." ״Die Juden sehnen sich nach einem Lande. Sie ahnen, daß sie in einem eigenen Lande auferstehen werden. Sie werden von der Versklavung und vom inneren Verfall erlöst werden, sie werden wieder ein würdiges Glied der Völkerfamilie werden." ״Ein Denkmal für ewige Zeiten wird sich Rußland durch die Schaffung einer jüdischen Provinz errichten." ״Kann man sich eine höhere Mission denken als die Aufrichtung eines darliegenden Volkes?" ״O, meine Träume! Ich sende euch in die Welt hinaus! Auf daß ihr Heil verkündet für ein gejagtes Volk und für meine slavisehen Brüder.. Auf daß ihr Widerhall findet und erfüllet werdet. ״Erhöre, Gott, mein Gebet. Laß mich die Erfüllungen meiner Hoffnungen erleben!" Er hat sie nicht erlebt. Es war ein Traum. Ein Nebelgebilde. Wir haben eine weit zurückliegende Vergangenheit vor unseren Augen vorüberziehen lassen. Unwillkürlich drängt sich das Verlangen auf, jene bewegte, wirre Epoche der jüdischen Geschichte mit ihrem .־wirtschaftlichen Elend, ihren seelischen Qualen und Hoffnungen, ihren beklemmenden Schranken und den Versuchen, die Schranken zu brechen, um den Weg ins Freie zu finden und womöglich ein eigenstaatliches Leben zu begründen, mit den Verhältnissen, die wir heute überleben, zu vergleichen. Wie damals sind die großen Massen des Judentums in wirtschaftlichen Klemmen eingepreßt, und die leitenden Kreise suchen nach Abhilfe und Auswegen. Heute wie damals regt die quälende Not der Zeit die Geister zu lebhaftem Denken an und gebiert weitschweifende Ideen, die durch den Nebel der Gegenwart in der Feme eine helle Lichtung zu erspähen suchen, durch die hindurch das Judentum einer neuen, freien, ja eigenstaatiichen Zukunft entgegengeführt werden könnte. Man sehnt sich nach einem Land, nach einem Territorium, nach einem Judenstaat. Wir wollen nicht Ja nicht Nein sagen zu all diesen, gewiß von Liebe und Begeisterung getragenen Bewegungen. Wir wollen nur auf sie das Licht vergangener Jahre, verschollener Hoffnungen zurückwerfen und sie in diesem Lichte betrachten. 1 Ebd. S. 10.