Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 441 (sequence 13)
- Language
- German
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441 Es ist ganz natürlich, daß Pläne dieser Art am ehesten dort zur größten Reife gelangen konnten, wo die Judennot nicht bloß Not für die Juden, sondern auch Not durch die Juden für •die Nichtjuden bedeutete oder zu bedeuten schien. Dies war in Polen der Fäll. In den 40er Jahren veröffentlichte Joseph Golochows k i, der ein tiefgründiger Denker, Anhänger und Freund von Schelling war, eine Schrift, betitelt: ,,Kwestija reformu Zydow“ (Zur Frage der Judenreformen). Wie viele andere seiner Zeit- und Stammesgenossen, war auch er überzeugt, daß die damalige Zerrüttung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Polens zu einem bedeutenden und wesentlichen Teil auf die schwere. Belastung des Staates mit der schmarotzerhaft lebenden jüdischen Bevölkerung zurückzuführen wäre. Er kennt keinen religiösen noch nationalen Haß gegen die Juden und ist ehrlich bestrebt, Vorurteile zu überwinden. Es gelingt ihm nicht immer. Er ist gläubiger Christ und hebt hervor, daß die Juden des Heils der christlichen Offenbarung nicht teilhaftig sind. Doch tut er es offenkundig in der Absicht, sich dadurch beim polnischen christlichen Publikum ein geneigteres Ohr zu verschaffen und seine mit großer Wärme geäußerte Anteilnähme für das Elend und die Not der jüdischen Massen zu rechtfertigen, Der leitende politische Gedanke der Broschüre von der Ansiedlung der polnischen Juden auf einem anderen menschenarmen Territorium stammt übrigens nicht von Golochowski selbst. Die Anregung dazu erhielt er von einem im Jahre 1841 von einer Gruppe polnischer Politiker und Schriftsteller (wahrscheinlich unter Beteiligung einiger assimilierten und getauften Juden) verfaßten Memorandum, dessen Veröffentlichung in der Presse von der Zensur untersagt wurde, und das erst nach der Veröffentlichung der Schrift von Golochowski anonym erschien. Nachdem Golochowski die Gefahr, die die Juden für Polen darstellen, geschildert hat, beschreibt er die tragische Lage der Juden in Polen: ״Andererseits gibt es unter der Sonne kein unglücklicheres Volk, als das arme Geschlecht Israels in unseren Städten. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, einige dieser Städte zu besuchen, wie Pintschow, Dalescyne, Dzialoscyn u. a., wo (mit der kleinen Ausnahme der wenigen wohlhabenden Juden) häufig in einer einzigen Stube, in verseuchter Luft mehrere Dutzend Juden hausen, schmutzig, halbnackt, in der Nacht sozusagen schichtweise einer über dem anderen in verhangenen Schlafstellen liegend. Dauernd kämpfen die Leute mit dem Hunger, mit Krankheiten, oft mit dem Tode, ohne jede Aussicht,ohne jede Hoffnung auf dieser Welt, nichts besitzend, außer dem starken Glauben an die durch die vielen Scbicksalsschläge in ihre Seele eingeimpfte Ausdauer. Nichts ist widerlicher als der Anblick dieser durchseuchten Städtchen, nichts ist herzzerreißender, als das Elend dieses Volkes, über dem der Fluch so handgreiflich schwebt. Wenn man sich diese vielen verdursteten Gesichter des in unseren Städten umherirrenden Judentums ansieht, so muß jeder (lenkende Mensch sich fragen, wovon lebt dieses Volk, wenn es, der vielen Vorteile der zivilisierten Völkergemeinschaften beraubt, selbst in der freien Wahl geeigneter Wohnorte beschränkt, weder in der Landwirtschaft, noch in den verschiedenen