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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 440

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
Date
1931-01-01
Page
Seite 440 (sequence 12)
Language
German
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440 das Haus Rothschild für den Altarasschen Plan eingenommen war. Während der Verhandlungen von Altaras mit dem russischen Innenminister Nesselrode erklärte dieser, der Zar wäre geneigt, den Plan zu akzeptieren, aber nur gegen ein Lösegeld von je 60 Rubel für jeden jüdischen Auswanderer. Was an all den Behauptungen, die in den Briefen und Zeitungsaufsätzen enthalten sind, wahr ist und was auf Phantasie beruht, ist heute schwer zu entscheiden. Sicherlich wird hier vielfach sehr stark übertrieben und unkontrollierte Gerüchte wie feststehende Tatsachen hingestellt. Aber diese Nebenfragen haben für uns an dieser Stelle kein Interesse. Wichtig ist für uns die Fest- Stellung, daß bereits um die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts weite und maßgebende Kreise des russischen und westlichen Judentums die einzige Möglichkeit, die Judenfrage in Rußland zu lösen, in der Auswanderung und Kolonisation sahen. Dabei war das Problem der Auswanderung aufs engste mit dem Problem der Erziehung der Juden zur Landwirtschaft verknüpft. Natürlich sind alle diese Projekte und Aufforderungen an die ״Reichen des Volkes“, an die ״Besten des Volkes“ ohne praktische Ergebnisse geblieben, aber sie sind symptomatisch für die Lage der Juden in der damaligen Zeit, die sich einerseits infolge des hohen natürlichen Zuwachses und andererseits infolge der Verschlechterung der durch den Uebergang vom Feudalismus zum Kapitalismus hervorgerufenen wirtschaftlichen Bedingungen scharf zugespitzt hat. Des weiteren spiegeln sich in diesem Durcheinander der Erlösungspläne die Veränderungen wieder, die damals in der Situation der ganzen Welt eintraten, als Rußland mit der Besiedlung seiner neuerworbenen Länder am Werk war und die Emigration nach Amerika mit der Kolonisierung großer Areale einhergehend ungeahnte Ausmaße gewann. Projekte ähnlich dem Altarasschen Unternehmen tauchten im Gewirr der Verhältnisse dieser bewegten und zu Phantasien leicht neigenden Epoche zahlreich auf. Den meisten von ihnen fehlt indes der kühne Schwung des Altarasschen Planes und die Autorität des Urhebers und seines Anhanges. Allen gemeinsam ist der Grundgedanke, der dahin geht, die ״jüdische Frage“ durch die Ansiedlung konzentrierter Massen von Juden auf einem Territorium, das ihnen zur eigenen Heimstätte werden könnte, wo sie sich selbst ihre Rechte und Pflichten auf erlegen könnten, ohne als fremdes und lästiges Element empfunden zu werden. Diese Vorstellungen waren mit der bald mehr, bald weniger klar erkannten Voraussetzung der Neugestaltung der beruflichen Struktur der Juden, mit der Rückkehr der jüdischen Bevölkerung zur Arbeit auf der Scholle verknüpft. Aber die Sorge um die jüdische Frage lastete nicht nur auf den führenden jüdischen Kreisen; sie bedrückte ebenfalls die fortgeschrittenen Teile der Nichtjuden, namentlich in den Ländern des Ostens. Auch unter den hervorragenden und maßgebenden Persönlichkeiten der nicht jüdischen Welt tauchten bald hier bald da die mannigfaltigsten Pläne auf zur Lösung der jüdischen Frage durch Ansiedlung der Juden in einem wenig bevölkerten Lande, in welchem sie ihrer Eigenart entsprechend ein normales Volksleben begründen könnten.

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