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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 439

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
Date
1931-01-01
Page
Seite 439 (sequence 11)
Language
German
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439 Fragen, die damals eifrig geführt wurden, zurückstellen, um sich dem Kolonisationsplan zu widmen1. Eine klarere Formulierung erhielt die gleiche Idee in der Broschüre ״N eu -Judäa“ von C. L. K., die im Jahre 1840 erschien2. Zum Unterschied von seinen Vorgängern geht der Verfasser nicht mehr vom Gesichtspunkte des Mitleids mit den ,,armen geplagten Brüdern“ aus, sondern basiert seine Idee auf einer breiten nationalen Grundlage. Er spottet über die kosmopolitischen Philanthropen, die kein historisches Verständnis haben, und die ganze Menschheit in einen Schmelztiegel zusammenlegieren zu können wähnen, um eine einheitliche Mulattenspezies herzustellen und die nationalen Eigenarten abzuschleifen. Er meint, die Juden haben niemals auf ihr Recht, wie ein Volk in einem eigenen Staate zu leben, ein Volk mit eigenem Wollen und eigener Kultur zu sein, verzichtet. Aber aus der Tatsache, daß ,,die historische Wiege des jüdischen Volkes in Palästina stand, folge noch nicht, daß auch das neue Haus des jüdischen Volkes in Palästina erbaut werden müsse. Denn erstens wäre Palästina zu eng dazu, und zweitens würden alle Schätze des so reichen jüdischen Volkes nicht ausreichen, um das Eigentumsrecht auf das Land von seinen jetzigen Herrschern zu erwerben und den Boden von seinen Besitzern abzukaufen“3. Unter den zahlreichen großzügigen Plänen darf wohl der von Altaras als der abenteuerlichste bezeichnet werden. Als Sohn eines palästinensischen Rabbiners in Aleppo 1786 geboren, kam Altaras 1806 nach Marseille und gründete eine Schiffsgesellschaft und ein Exportgeschäft. Bald gelangte er in seiner neuen Heimat zu Reichtum und Ruhm. Die Verfolgungen der Juden in Rußland, das Elend und die Not seiner Volksgenossen rüttelten seine Seele zutiefst auf. Er kam auf den Gedanken, die französische Regierung für die Idee der Ansiedlung von 40 000 russisch-jüdischen Familien in Algier zu gewinnen. Die Regierung ging auf den Plan ein, und Altaras begab sich, leichtgläubig und hoffnungsvoll, nach Rußland, um mit der russischen Regierung zu verhandeln und sie zu bewegen, den von ihr verfolgten Juden gegen ein entsprechendes Lösegeld die Genehmigung zur Auswanderung nach Algier zu erteilen. Der Plan scheiterte, wie vorauszusehen, war, aber daß A11 a r a s damals nicht der einzige Träumer war, der an die Möglichkeit der Verwirklichung seiner Ideen glaubte, beweisen die verschiedenen nachträglich veröffentlichten Briefe des hebräischen Dichters Adam Lebensohn, der zu dem Personenkreis gehörte, der von Dr. Fürst (Herausgeber des ״Orients“) und des Bibliographen Ben-Jakob in das Geheimnis der Altarasschen Pläne eingeweiht war. Man ersieht aus diesen Briefen, daß die Kunde von dem großzügigen Altarasschen Unternehmen sich bald in weite Kreise der jüdischen Intelligenz verbreitete und größte Begeisterung und fast ekstatische Aufnahme fand. Aus einem Briefe des bekannten Wilnaer Aufklärers Rosenthal, den er aus Berlin an seinen Bruder in Wilna schrieb, ersieht man, daß auch 1 S. Dr. Gelber, Zur Vorgeschichte des Zionismus, Wien 1927, S. 85—91. 2 ״Neujudäa“, Entwurf zum Wiederaufbau eines selbständigen jüdischen Staates von G. L. K., Berlin 1840 (1903). 3 Zit, nach Dr. Gelber, a. a. O. S. 177 f.

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