Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 437

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
Date
1931-01-01
Page
Seite 437 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829975-2829982-2837211--50829-2837291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

437 Weiten Kreisen bekannt ist der von Mordechai Immanuel Noah aufgestellte Plan zur Gründung eines jüdischen Staates in Amerika. M. J. Noah, geboren 1785 zu Philadelphia, war sicherlich der erste, der den ernsten Versuch machte, ein Judenstaatsprojekt zu realisieren. Sein Vater und sein Großvater beteiligten sich an den Kämpfen für Amerikas Unabhängigkeit. Er selber war Journalist, Herausgeber vieler Zeitungen, Dichter zahlreicher Dramen, die einen ziemlich großen Erfolg hatten, Konsul in Afrika. Während seiner amtlichen Tätigkeit in Afrika (Tunis) geriet er in Konflikte mit der amerikanischen Regierung. In der Haltung der Regierung glaubte er eine Verletzung seines nationalen Ehrgefühls erblicken zu dürfen und gab deshalb sein Amt auf, um nach New York zurückzukehren. Hier setzte er seine journalistische Tätigkeit mit erhöhter Energie fort, übte später eine juristische Praxis aus und wurde zum Richter am New Yorker Gerichtshof ernannt. Seine Afrikaner-Konflikte mit der Regierung und die unmittelbare Berührung mit dem Elend der Juden in verschiedenen Ländern rief in ihm die Liebe zu seinem Volke wach und regten ihn zum Nachdenken über die jüdische Frage und die Wege zu ihrer Lösung an. Seine ersten Gedanken galten der Wiederkehr der Juden nach Palästina. Er glaubte, daß die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit, namentlich die Aufstände der Aegypter gegen die Türkei besonders günstig für die Verwirklichung der Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina lägen. Er brachte sogar den Gedanken zum Ausdruck, daß die Juden nicht nur mit dem Geld, sondern auch kämpfend mit Waffen in der Hand sich Palästina wiedererobem könnten. Bald aber gab er diese Ideen auf und seine Blicke wandten sich von Palästina nach einem anderen, politisch weniger umstrittenen und erreichbareren Territorium. Mit fanatischem Eifer verfocht er seine Ueberzeugung von der politischen Wiedergeburt der jüdischen Nation in einem selbständigen Staate. Er erwirbt mit seinen eigenen Geldmitteln 2000 Morgen Land auf der Insel Grand Island im Staate New York in der Nähe von Niagara. Das sollte nur der erste Anfang sein, dem weitere Landeinkäufe folgen sollten sobald eine Ueber- Siedlung von Juden nach dem erworbenen Lande in die Wege geleitet worden wären. י Er entwirft einen ausführlichen Plan eines jüdischen Staates, wo die Juden ,,alle Freiheiten persönlicher, politischer, Wirtschaftlieber und national-religiöser Hinsicht vorfinden sollten/' In Europa wählt er als seinen Vertreter den Grandrabbin von Paris und die bekannten Führer der jüdischen Geisteswelt in Deutschland Zunz und Gans. Er fordert das jüdische Konsistorium zu Paris auf, eine Delegation nach Grand Island zu senden, um das Land in Augenscheih zu nehmen und sich von seiner Eignung für einen zu gründenden jüdischen Staat zu überzeugen. Er erläßt einen begeisterten Aufruf an das jüdische Volk und schildert in beredter, von heißer Liebe zu seinem Volk erfüllter Sprache die tragische Wirklichkeit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.