Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 436 (sequence 8)
- Language
- German
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436 Broschüre wird angeregt, der Zar Alexander I., der über unübersehbare■ Landgebiete herrsche, möge Polen den Dienst erweisen, es von den Juden in der Weise zu befreien, daß er ihnen das Recht gewähre, sich in Südrußland oder an der Grenze des Tartarenlandes zu besetzen1. 1822 wird im polnischen Sejm der Beschluß gefaßt, den Kaiser von Rußland zu ersuchen, eine menschenarme Provinz des Reiches mit Juden besetzen zu lassen. Alle diese Projekte waren von antisemitischem Geist erfüllt; die Juden wurden dort als eine Plage Polens geschildert, die man so schnell als irgendmöglich los werden wollte. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, daß diese Vorschläge phantastisch, widersinnig und bodenlos waren. Wir haben sie nur erwähnt, um zu zeigen, wie sich die Auffassung der jüdischen Frage zu Beginn des 19. Jahrhunderts geändert hat, und die Ideen der Emigration und Kolonisation emporzukeimen begannen, die sich erst Anfang des 20. Jahrhunderts zum Teil verwirklicht haben. Daß diese Problemstellung , in wesentlichem Maße durch die beträchtlich angewachsene natürliche Vermehrung der jüdischen Bevölkerung beeinflußt war, geht aus der Tatsache hervor, daß in allen Projekten der betrachteten Periode die stereotype Phrase wiederholt wird, die enorme Vermehrung der Juden bedeute eine Gefahr für das Land. Auch die maßgebenden jüdischen Kreise, die um das Schicksal ihres Volkes besorgt waren, sahen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Wegen und Mitteln zur Erleichterung der Lage der jüdischen Massen durch Emigration und Kolonisation um. Natürlieh handelte es sich für sie nicht um eine Deportierung der ganzen jüdischen Bevölkerung aus dem einen oder anderen Lande, sondern um die Verringerung der jüdischen Einwohnerschaft in den mit Juden übervölkerten Ländern, um dadurch die Lage der im Lande verbliebenen Juden aufzubessern. Wir übergehen die vielen Dutzende von Projekten zur Errichtung eines Judenstaates in Palästina, die immer vom Messiasgedanken oder von ähnlichen religiösen Motiven getragen waren und sich von den überlieferten Glaubens Vorstellungen nährten. Viel revolutionärer mußte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Idee der Gründung eines Judenstaates in Amerika oder in Rußland wirken. 1819 erscheint in London eine Broschüre von Robinson, die die Gründung jüdischer Kolonien an den Ufern vom Mississippi in Anregung bringt. Der Verfasser denkt sich die Verwirklichung seines Planes in der Weise, daß reiche Juden große Terrains am Mississippi ankaufen und sie mit armen, geplagten und verfolgten Juden besetzen. Er erhofft sogar die Mitwirkung der Regierung der Vereinigten Staaten bei dem Wiederaufbau des jüdischen Volkes. Es muß übrigens hinzugefügt werden, daß dieser ,,Erlöser“ selbst ausgedehnte Bodenflächen am Mississippi besaß und ein rein materielles Interesse an der Kolonisierung dieses Landes hatte. 1 E. F r e n k, ,,Die hervorragenden Vertreter des polnischen Volkes und der Judenstaät“, in hebräischer Sprache in ״Luach Achiassaph“, Jahrgang 1923, S. 97.