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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 435

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
Date
1931-01-01
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
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435 Winterkleider und keine Lebensmittel mehr und können den Weg nicht fortsetzen. Viele von ihnen sind erkrankt, manche sind gestorben, die übrigen erhalten sich durch Almosen am Leben. Schon Ende des 18. Jahrhunderts gewann die jüdische Frage in Polen eine immer aktueller werdende Bedeutung nicht nur für die Leidtragenden selbst, sondern auch für die leitenden Kreise der polnischen Oeffentlichkeit und für die polnische Reg i e r u n g. Sie ist eine Staatsfrage geworden. Die politischen Ereignisse vor dem Zerfall Polens hatten diese Frage für eine Zeitlang zurückgestellt, aber nach der erfolgten Teilung des Landes trat die Sorge um die Lösung der jüdischen Frage von neuem an die polnische Gesellschaft heran. Jetzt hieß es nicht mehr: ,,Was soll mit den Juden geschehen?'', sondern: ״Was soll mit den so vielen Juden geschehen?" Während im 18. Jahrhundert Versuche angeregt wurden, das Leben der Juden im Inneren des polnischen Landes zu reformieren und die jüdische Bevölkerung der Landwirtschaft zuzuführen, mußten im 19. Jahrhundert diese Ideen ausgeschaltet werden und an ihre Stelle traten Versuche, die Judenfrage durch Auswanderung der Juden und ihre Ansiedlung auf geeigneten Territorien zu lösen. Es tauchen verschiedene Pläne auf, die einerseits die Deportierung der Juden aus Kongreßpolen nach einer entlegenen menschenarmen Gegend des weiten russischen Reiches erwogen, andererseits von der Emigration der Juden nach Amerika das Heil erhofften. Unter den russischen Gebieten, die für eine Ansiedlung der polnischen Juden besonders geeignet schienen, spielte Neurußland, das damals in lebhafter Entwicklung begriffen war, eine besondere Rolle. Wenn F r i e s e l1 2 1804 in seiner Schrift ausrief, im russischen Reiche gäbe es keinen Mangel an Boden, so dachte er dabei in erster Linie an die südrussischen Gouvernements mit der Krim und Beßarabien. Der Dekabrist P e r e t z, dessen Vater ein bekannter getaufter jüdischer Aufklärer war, bekämpfte das Assimilationsprojekt von P e s t e 1 und lehnte auch den Plan einer Gründung in Kleinasien ab. Dagegen trat er lebhaft für den Gedanken einer Gründung einer Organisation zur k onz entrie r t e n An- Siedlung der überall verstreuten und versprengten Judenmassen in der Krim oder im nahen Orient ein, mit dem Endziel, einen selbständigen jüdischen Staat ins Leben zu rufen. Die Urheber dieser und ähnlicher Pläne standen sicher unter dem Einfluß der spontan eingesetzten Auswanderung der Juden aus den dicht bevölkerten Ländern Litauen, Bialoruß, Wolhynien und Podolien nach Neurußland sowohl als auch unter der' Ein- Wirkung der ersten Kolonisationsversuche zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 1817 erfolgt die Gründung des sogenannten ״Zarentums Polen", und schon 1818 erscheint das Projekt eines anonymen Verfassers unter dem Titel ״Ein Vorschlag betreffend die Juden". In dieser 1 Borowoj, a. a. O. S. 163. 2 Litauischer Gouverneur, bekannt durch seinen judenfreundlichen Reformentwurf in bezug auf Gleichberechtigung und landwirtschaftliche An- Siedlung der Juden in Rußland. 28

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