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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 434

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
Date
1931-01-01
Page
Seite 434 (sequence 6)
Language
German
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434 Wohlan, Vorstände der größeren Gemeinden in Deutschland — euch macht die ganze Judenschaft verantwortlich! Ihr habt es zu verantworten, wenn das zersplitterte Deutschland auch hier ohnmächtig erscheint und nichtig. Vor dem Gotte der Weltgeschichte macht sie euch verantwortlich, wenn ihr müßig bleibet. Fanget an, unverweilt, und mit Kraft! Kein Rangstreit und kein Abwarten. Gehet nicht vor dem Worte eines Schriftstellers verachtend vorüber. Alle theilnehmenden Juden sprechen durch ihn, da ihr allein das natürliche Organ der That für sie seied;ja, noch mehr, das große Geschick von 1 y2 Millionen Glaubens- und Stammesgenossen spricht durch Ihn — und das Wehe derselben fällt auf euch zurück, wenn ihr, die Achsel zuckend, still schweigt! Wohlan — ihr habet zu wählen — zwischen der Bewunderung und der Verachtung, zwischen dem Segen und dem Fluche-nein! die flehende und mahnende Stimme könnt ihr nicht ungehört lassen. Rasch, unermüdet, unerschrocken, mit Ausdauer an5s Werk!“1 Es ist beachtenswert, daß sich Philippsohn dabei auf den inner״ halb des russischen Judentums selbst wach gewordenen Drang nach Umschichtung, nach landwirtschaftlicher Betätigung berufen kann. Er berichtet über einen ihm zugegangenen Antrag im Namen von 10 000 russischen Juden, die die Absicht hatten, auszuwandem, um sich in der neuen Heimat mit Ackerbau zu beschäftigen. Die Zahl 10 000, von welcher der Antrag spricht, mag übertrieben erscheinen. Aber aus den Broschüren und Büchern der ,,Aufklärer“ wissen wir, daß die Idee der Umkehr der Juden zur Landwirtschaft damals in den Köpfen der jüdischen Intelligenz gährte. Parallel mit der zunehmenden Auswanderung nach der Uebersee verliefen die Versuche zahlreicher jüdischer Gruppen, ihre alten Stätten des Elends und der Not auf neue Orte in Neurußland (Noworus) zu vertauschen. 1837 zählte man dort eine Anzahl von jüdischen Kolonien mit 957 Familien, die sich sieben Jahre später (1844) auf 1661 vergrößert haben. Es ist bekannt, daß außer den von der russischen Regierung in Neurußland angesiedelten jüdischen Familien viele andere auf eigene Faust und für eigene Rechnung nach diesem Gebiete übersiedelten, ohne die Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu scheuen. Weder Kälte noch Hunger, noch Unkenntnis der Wege, noch das Ausbleiben jeglicher Hilfe und Unterstützung konnte die Wanderer zurückschrecken, den einmal eingeschlagenen Weg nach* dem fernen Lande fortzusetzen, wo ihnen ein wenn auch noch so schwacher Funke der Erlösung von Pein und Qual glomm. Nur ein Zitat: ,,Eine große Gruppe Uebersiedler (70 Familien oder 500 Personen) sind in jenem Winter (1841) im Kiewer Gouvernement stecken geblieben. Es sind dies die Wilnaer Auswanderer. Ohne jegliche Unterstützung seitens der Regierung legten sie mit Müh und Not die Strecke bis Borissow zurück. Dort verkauften sie ihre Pferde und, dem Beispiel der Kurländer folgend, ließen sie sich auf Wasserfahrzeugen über den Dnjepr befördern. Aber infolge der Einstellung der Schiffahrt in den Wintermonaten ist eine Gruppe in Rzis'cew, eine zweite in Toloken zurückgeblieben. Die Leute haben keine 1 Allg. Zeitung d. Judentums, 1846, S. 60—65.

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