Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 433 (sequence 5)
- Language
- German
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433 der Lokalitäten und Verhältnisse ein Herz für ihre Glaubensgenossen verbinden. Diese werden sich gern zu gewandten Emissären darbieten. Zweifelt nicht, daß, wenn erst der Impuls zu dieser großartigen Bewegung, zu dieser Tat, ohne Gleichen der Geschichte, gegeben ist, auch in jenen Landschaften Komitee’s und Vereine sich bilden werden, die der heiligen Angelegenheit mit Feuereifer sich widmen werden. c) Die Mittel zur Uebersiedlung zu beschaffen. Daß dies der schwierigste Punkt sein werde, sieht man leicht ab- Gaben werden sich bieten; wo wird eine Gemeinde sein, die nicht gleich und lange fort ihre Beisteuer reichen werde? Aber der Umfang des Unternehmens ist so groß, daß die ausschweifendste Phantasie eine genügende Anschaffung der Mittel nicht erhoffen wird. Allein hier heißt es erstens: wir tun, was wir können! und hier gilt es zweitens: Dem vertrauen, der das Meer gespalten, und mit Manna gespeist hat! An ihn war Israel stets gewiesen, mit ihm wollen wir beginnen! Dieses sind ungefähr die Zwecke, welche ein ,,Hilfs verein zur Ueber- Siedlung russischer Juden‘6 zu verfolgen, zu verwirklichen hätte. Je großartiger sie sind, desto weniger können sie Werk Eines oder Mehrer sein. Hier kann kein einzelner Unternehmer sein, kein einzelner an der Spitze stehen. Ja, selbst um das Ansehen nach außen zu haben, welches unentbehrlich sein wird, muß es gewissermaßen auf gesetzmäßige betraute Behörden sich stützen. Welche sind diese? Nach unserer Ansicht keine anderen, als die Vorstände der größeren deutschen Gemeinden. Ja, nur den Anfang! Diese Angelegenheit ist so groß, so heilig, so erhebend, daß, wer sie nur erst in die Hand genommen hat, sie nicht wieder los wird, daß sie aus seiner Hand ihm so ins Herz wächst, als wäre sie darin geboren und großgezogen. Die Teilnahme, welche das Schicksal der russischen Juden gefunden, ist allgemein. Die Artikel, in denen wir jenes mit wahren und lebendigen Farben geschildert, sind sofort — ohne unser Zutun — in Französische und Englische übertragen worden, und haben jetzt schon die Reise um die Welt gemacht. Wie wir aber in jenen den traurigen Hergang gezeichnet, so versuchten in dem gedachten Memoire die Mittel zur Heilung anzugeben, damit nicht bloß die ,,Klage“, sondern auch der ,,Trost“, die Hilfe zur Aussprache kommt. Ja, in diesem Augenblicke bereitet man sich schon in Amerika vor, einige wichtige Schritte zu tun. Ein Mehres dürfen wir für jetzt nicht mitteilen. Wer aber anders in der Tat hat den Beruf, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen, als die deutschen Juden? Deutschland liegt Rußland am nächsten. Gerade Deutschland findet noch in Rußland am ehesten Gehör, während der Westen dort nichtsehr genehm ist. Durch Deutschland geht der Zug der elenden Brüder. Aber noch mehr, die deutschen Juden selbst sind am meisten dabei interessiert, da ihre eigene Stellung noch sehr prekär ist, und sie auch zum Teil unter dem Schlagschatten stehen, unter welchem das Schicksal der russischen Juden riesenhaft an wächst. Deutsche Brüder! Ruft das rächende Geschick nicht auf, wenn ihr teilnamslos dem Untergange von 1% Millionen Glaubensgenossen zuseht, daß, wenn euch selbst einst böse Wetter treffen würden, man sagen müßte: sie haben es verdient, daß sie hilflos sind! Monatsschrift 75. Jahrgang. 28