Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 431 (sequence 3)
- Language
- German
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431 mittlung hochstehender Personen wird versucht, einen Druck auf die russische Regierung auszuüben, damit diese den Juden die Aus- Wanderung aus Rußland erlaube. Es wäre aber falsch zu glauben, daß die Auswanderungsbewegung nur diejenigen Teile des Judentums ergriff, die in den rückständigen Ländern Osteuropas in äußerster wirtschaftlicher Not und politisch unterdrückt lebten. Die Auswanderung deutscher Juden nach der Uebersee hatte in Wirklichkeit früher begonnen als die russische, und die ersten Ansiedlungen aschkenasischer Juden in Amerika würden durch deutsche Juden gegründet. Einen Schluß auf den Umfang dieser Auswanderung gestatten die Mitteilungen des bekannten Reisenden J. J. Benjamin1 über die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Amerika. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Amerika nur drei jüdische Gemeinden, die ausschließlich aus sephardischen Juden bestanden. 1802 wird die erste deutsche und 1819 die erste polnisch-jüdische Gemeinde gegründet. 1830 zählen wir hier bereits sieben jüdische Gemeinden, darunter drei sephardische, zwei deutsch-jüdische und eine polnisch-jüdische. Mit der Zunahme der Ansiedlung osteuropäischer Juden in den USA wurde die Notwendigkeit einer geregelten Organisation der Auswanderung nach diesem Lande immer fühlbarer und dringlicher. Die Gefahr der Ueberschwemmung des Landes mit Leuten, die hier keine Beschäftigung fänden und der schlimmsten Not und Armut preisgegeben würden, wurde rechtzeitig von der jüdischen Presse und den jüdischen Führern erkannt. Erstmalig in der jüdischen Geschichte der neuen Zeit wird der Gedanke der Unterbringung auswandernder Juden in die Landwirtschaft ernstlich diskutiert> findet Anklaiig in der jüdischen Oeffentlichkeit und formt sich zu konkreten Aufgaben aus. Die Stimmungen und Gedankengänge jener Zeit kommen in ausgeprägter Weise in den amerikanischen Korrespondenzen der Allgem. Ztg. des Judentums zutage. Ihr Schriftleiter Dr. Philippsohn widmete allen diesen Fragen seine höchste Aufmerksamkeit. Nachdem er in einer Reihe einleitender Artikel eine anschauliche und ergreifende Schilderung des wirtschaffliehen Elends und der Rechtlosigkeit der Juden in Rußland gegeben hat, schreibt er: ,,Was folgt hieraus?“ a) Daß alle Bitten, mögen diese von in- oder ausländischen Juden, mögen sie als Fürbitten und Vorstellungen von befreundeten Höfen hervorgehen, vergeblich sind. Ja, man kann vielleicht Versprechungen erhalten, Zusicherungen, ja, im glücklichsten Falle kann für den Augenblick ein Zurückziehen der schärfsten Stacheln erlangt werden — aber ein Dauerndes nimmermehr. Wer so weit gegangen, wie Rußland, der ist nicht von einer zeitlichen Leidenschaft getrieben, sondern von einem eisernen Prinzip, von einem schrecklichen, unerschütterlichen System — er kann einen Augenblick einhalten-aber umkehren kann und wird er nicht. 1 .J. J. Benjamin, Reise in den östlichen Staaten der Union und: San-Franzisco, Hannover 1863.