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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 6 · p. Seite 430

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
Date
1931-01-01
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 trachtet werden. Die Veröffentlichung löste einen wahren Sturm von Anträgen um Genehmigung der Uebersiedlung nach Sibirien aus. Hunderte von Familien meldeten sich bei den Gouverneuren mit Gesuchen um Zuteilung von Grundstücken in Sibirien und um Abtransport nach diesem fernen Lande. Mit krankhafter Ungeduld warteten die jüdischen Antragsteller auf die Genehmigung der Behörden, machten fieberhafte Vorbereitungen zur Abreise, drängten die Behörden zur Beschleunigung der erforderlichen Formalitäten und begaben sich in erregter Hast auf den beschwerlichen Weg nach dem unbekannten Lande, von dem sie nichts als den bloßen Namen kannten. So zum Beispiel meldeten sich aus Wilna 286 Familien, Grodno 45, Witebsk 139, Mitau 150, Minsk 102 usw.1. Unter anderem schrieb der Wilnaer Gouverneur in seiner Eingabe an die Zentralregierung, daß die Antragsteller ״äußerst arm, mit großer Familie belastet sind und im alten Orte kein Auskommen haben**2. Bekanntlich bereute die russische Regierung sehr bald ihr Vorhaben, und anstatt die Juden durch Ansiedlung in Sibirien zu retten, ergriff sie Maßnahmen, um Sibirien vor den Juden zu retten, und verordnete die Ausweisung der neu eingewanderten Juden aus Sibirien. Ebenso, ergebnislos wie die Umsiedlung nach Sibirien verlief die in der jüdischen Literatur als der ״dritte Aufzug** bekannte Kolonisationsbewegung der russischen Juden unter dem Zaren Nikolai I. nach Neurußland, wo bereits mehrere jüdische Kolonien aus früheren Zeiten (Alexander I.) bestanden. Die russischen Juden hatten zu jener Zeit noch keine eigene Presse und keine öffentlichen Institutionen zur Regelung ihrer sozialen Angelegenheiten. Deshalb verfügen wir über keine verbürgten Aufzeichnungen der damaligen Zustände und Bewegungen innerhalb der russischen Judenheit in Rußland selbst. Die einzigen zuverlässigen Studienquellen wären die Archive der Behörden, die aber leider noch gar nicht oder nur sehr dürftig erschlossen sind; wir sind daher auf die in der ausländischen Presse veröffentlichten Berichte und Abhandlungen angewiesen. Bereits im Jahre 1844 wird die russisch-jüdische Frage in der deutsch-jüdischen Presse als eine gesamt jüdische Angelegenheit behandelt und in verschiedenen Zentren Westeuropas, in Berlin, Frankfurt, Paris, London, werden Hilfskomitees zur Fürsorge um die polnischen und russischen Juden gegründet. Diese Komitees begnügen sich nicht mit bloßer charitativer Hilfe, sondern trachten bereits nach einer organischen An- Siedlung der verfolgten Ostjuden in Kolonialländem. Man denkt dabei an Algier, Südafrika und Amerika. Es werden Verbindungen mit verschiedenen Kolonisationsgesellschaften, wie zum Beispiel mit der Gesellschaft zur Gründung deutscher Kolonien in Texas3, angeknüpft, um auch die Juden Rußlands in den neugegründeten Kolonien unterzubringen und erwerbstätig zu machen. Durch Ver- 1 Borowo j, Ewreskaja Kolonisazia w staroj Rossii (Jüdische Kolonisation im alten Rußland), Moskau 1928, S. 137. 2 Ibid. 3 ״Allg. Ztg. d. Judentums“, Leipzig 1844, S. 297.

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