Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 429 (sequence 1)
- Language
- German
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429 Jüdische Wanderungen und Staatsträume im Lichte der Vergangenheit. Von Jakob Lestschinsky in Berlin. In der Geschichte der Juden in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als sich die Lage der Juden in verschiedenen Ländern scharf zugespitzt hatte, entstanden in üppiger Fülle und in wirrem Durcheinander Pläne und Projekte verschiedenster Art, zuweilen von höchst phantastischer Natur, die sich mit der Lösung der jüdischen Frage befaßten und von der Ueberzeugung getragen waren, daß der einzig richtige Weg zu diesem Ziele die Auswanderung und die Kolonisation wären. In den historischen Urkunden und der Publizistik jener Zeit finden wir die seltsamsten romantischen Ideen mit nüchternen realistischen Gedankengängen innigst verflochten. Es wird heute nicht unsere Aufgabe sein, den Gründen nachzugehen, warum die mitunter sehr begründeten Gedankengänge und wohlüberlegten Vorschläge nicht über das erste Stadium der Diskussion hinaus kamen und bald scheitern mußten. Wir beschränken uns vielmehr darauf, diese äußerst interessanten Tat- Sachen aus der Vergessenheit emporzuheben und die Ursachen und Bedingungen ihrer Entstehung aufzudecken. Denn auch die phantastischen und utopischen Ideen eines jeden Zeitalters entspringen immer aus realen Quellen, werden aus der Not und Bedrängnis der Zeit geboren. In dem ungestümen Drang, einen Ausweg aus dem herrschenden Elend zu finden, überschreiten sie nur zu leicht die Grenzen des Wirklichen und Möglichen, verstricken sich in Irrgangen, indem sie jeden aufblitzenden Lichtschein mit fieberhafter Ungeduld folgen und wesenloses Irrlicht für einen Leitstern halten. Aber immer haben sie einen gesunden Kern. Dem unbefangenen Forscher gelingt es immer, in ihrem wirren Gestrüpp das wahre Gewebe der Zeit, aus der sie entstanden, zu erkennen, nach sorgfähiger Abtragung der phantastischen Aufschichtungen das Antlitz der Epoche aufzudecken, und durch die Irrgänge hindurch zum ursprünglich richtigen Weg zurückzuschreiten. Es ist nur natürlich und liegt in historischen Reminiszenzen und religiösen und gefühlsmäßigen Assoziationen begründet, daß diese Ideen zunächst in zahlreichen Variationen der Wiederauf־ richtung des historischen Judenstaates in Palästina galten. Pläne dieser Art tauchten vornehmlich in englischen Kreisen auf. Wir werden hier auf sie nicht eingehen, da sie sorgfältig von Gelber1 zusammengefaßt und ausführlich besprochen werden. Uns interessieren vielmehr die Gegenstücke dieser Pläne, die Projekte derjenigen Autoren, die von dem Gedanken ausgingen, den mit treffenden Worten der Verfasser des Buches ,,Neu-Judäa“ (1840) ausspricht: ,,Palästina war die Wiege des Volkes, das Haus soll in einem anderen Lande errichtet werden/' Als Vorspiel kann das von der russischen Regierung 1836 veröffentlichte Projekt der Ansiedlung der Juden in Sibirien be- 1 Dr. N. Gelber, Zur Vorgeschichte des Zionismus, Wien 1927.