Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Palästina
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 7)
- Language
- German
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368 schaft möglich ist, und jener nicht, weil ihm die luftdichte Ab- Schließung eines volltraditionellen Milieus in der problematischen Atmosphäre des neuen Palästina nicht glücken kann. Die ״ahgemeinen“ Schulen vollends haben noch nicht einmal theoretisch eine feste Stellung im Chaos dieser Frage gewonnen. Sie konzentriert sich bei ihnen um die (oben materialistisch behandelte) Auswahl der jüdischen Unterrichtsstoffe oder, genauer, um den Ort, den das mittelalterliche Judentum im Lehrplan einzunehmen hat. In Fortwirkung einer sozusagen karäischen Auffassung des Zionismus, die einst im Bibelpurismus der Haskalah ihren sprachlichen Ausdruck gefunden hat und noch heute unmittelbar das ״dritte Haus“ auf den Grund des ״zweiten Hauses“ bauen möchte, treten in manchen Schulen die mittelalterlichen Stoffe beinahe ganz zurück und man springt von der Bibel zu Bialik. Dieser Sprung läßt aber auch die Bibel selbst nicht unversehrt, die ohne ihre Schicksalsgeschichte innerhalb des Judentums leicht zu einem antiken Heldenepos Berdyczewskischer Auffassung werden kann. Vielleicht darf man trotzdem sagen, daß allmählich eine rückläufige Bewegung an Kraft gewinnt und von neuem die Werte des mittelalterlichen Judentums betont. Freilich bleibt sie im wesentlichen bei aggadischem Material stehen: das gesamte Gebiet der Halachah ist dem jüdischen Durchschnittsschüler des allgemeinen Schulwerks Palästinas so völlig verschlossen, daß neuerdings schon der Vorschlag zur Schaffung eines — dem Bialilcschen ״Sefer Agadah“ analogen — ״Sefer Halachah“ auftauchen konnte. Jedenfalls steht das Problem so, daß die Schule auch hier die einfachsten Begriffe — wie z. B. ״mukzeh“ — geradezu lehren muß, weil sie in den weitaus meisten Fällen nicht mehr vom Hause vermittelt werden. Für den Misrachi besteht das religiöse Problem in der ihm aufgegebenen Synthese zwischen Thora und allgemeiner Bildung, die aber in der freien und erregten Luft Palästinas nicht nur stofflich, sondern als das Insgesamt der denkerischen und sozialen Anstöße Europas erfaßt sein wül, was mangels einer in diesem Sinne vorbildlich lebenden Erwachsenengeneration die Aufgabe beinahe 1111lösbar macht. Die Arbeiterschaft schließlich lebt, bei zum Teil sehr weitgehend atheistischen oder doch extrem aufklärerischen Theorien, in religiöser Beziehung de facto von der Romantik einer vorigen Kulturgeneration, deren Erbe in verdünnter Erneuerung weiterzugeben versucht wird. Wie weit die Versuche Bialiks und des Oneg Schabbath einerseits, der neuen, dem Misrachi nahestehenden Bewegung ״ Jeruschalajim“ andererseits hier wirksamere Quellen erschließen werden, bleibt abzuwarten. Die nationale Frage in der hebräischen Schule besteht nicht etwa in der Vereinheitlichung jüdischer Schüler der verschiedensten Herkunftsländer und Typen zu einem gemeinsamen jüdischen Volkstyp — in diesem Sinne ist sie gelöst —, sondern in der Beziehung der künftigen jüdischen Gemeinschaft Palästinas zur jüdischen Diaspora einerseits, zum arabischen Volke andererseits. Die nicht immer wihkürlich erweckte, aber sich unwillkürlich ausbreitende Seelenlage der Schuljugend täuscht ihr vor, als sei sie heute schon