Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vulliauds Übersetzung des Sifra Di-Zeniutha aus dem Sohar und andere neuere Literatur zur Geschichte der Kabbala [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 358 (sequence 12)
- Language
- German
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358 beliebten Tropus 1תליין כענבין באתכלא. Ebenso ist נשיבא דח־חא ,,das Wehen des Windes" aus dem hebräischen נשיבת הרוח gebildet, welches Substantiv erst im Mittelalter gebildet worden ist (siehe etwa Ben Jehudas Thesaurus s. v.), übrigens noch öfter im Sohar vorkommt, z. B. I, 14a oder III, 169a in chronologisch leicht zu fixierenden Stücken. Dies sind nur einige Beispiele, die fast beliebig zu vermehren sind, und da, wenn man sie aus dem ״echten" Text als Interpolationen ausstreichen wollte, schlechterdings gar nichts mehr übrig bliebe, sie auch ganz organisch dem Gang des Buches sich einfügen, so ist damit wohl evident gemacht, daß die sprachliche Physiognomie des S. Z. genau das Gegenteil dessen aussagt, was Vulliaud und manche anderen über sie behauptet haben. Es ist im S. Z. auch nicht ein einziger positiver Beweis für sein angebliches Alter zu finden, wie er an jedem echt-aramäischen Text sich sonst mit Leichtigkeit von jedem der Sprache Kundigen führen läßt. Der Text des S. Z. ist durchaus aus einem Guß, und zwar aus erweisbar mittelalterlichem. Die rein literarische Mischung der Sprachformen des babylonischen Talmuds und des Targum Onkelos, der beiden Hauptquellen der Soharsprache, charakterisiert die Sprache des S. Z. ganz genau so, und zwar an denselben Beispielen nachweisbar, wie die des Hauptteils des Sohar oder der Idras. Und das soll palästinensisches Aramäisch des 2. oder selbst 3. Jahrhunderts sein! Im ganzen S. Z. ist keine einzige spezifisch palästinensische Form erhalten. Man. darf freilich bezweifeln, daß V. von diesen so weitreichenden Dialektunterschieden des Aramäischen und den kritischen Instanzen, die sich aus ihnen leicht ableiten lassen, irgendeine deutliche Vor- Stellung hat. Jedenfalls verrät er sie nirgends. Für ihn genügt Bachers Nachweis gewisser Veränderungen, die Sprache und Stil des Midrasch Bereschith Rabba im Lauf von Jahrhunderten durchgemacht haben sollen, um sehr naiv zu fragen, warum denn derselbe Bacher sich so hartnäckig auf die Jugend des Sohar versteife. Als ob Bereschith Rabba im Mittelalter neu bearbeitet und umgeschrieben sei, und die Textgeschichte dieses Midrasch in Parallele mit der des Sohar gebracht werden könnte! Eben dies letztere wäre doch gerade vorerst zu beweisen, um solche Folgerungen ziehen zu dürfen, und es ist eben nicht zu beweisen, ja auch nie ernstlich zu beweisen versucht worden. Die Antwort, die sich V. auf seine Frage nach Bachers Motiven für die Jugend des Sohar selbst gibt, ist für die unerfreulichen und bösartigen Seiten seiner Polemik sehr bezeichnend. Warum glaubt Bacher nicht, was er nach V. logischerweise glauben müßte? Wörtlich: ״Parce quäl existe une classe de Savants qui perdent leur serenile quand il s’agit de la Kabbale"! 1 Auf die Wichtigkeit solcher Tropen speziell für die Kabbalaforschung hat gerade auch Steinschneider mehrfach hingewiesen, besonders in seinem Aufsatz: Typen in Kobaks Jeschurun VIII (1871). Dieser Gelehrte hat freilich für Autoren wie Vulliaud und Waite völlig umsonst gelebt, wie die bibliographischen Angaben in ihren Büchern geradezu niederschmetternd beweisen, niederschmetternd weniger für die Autoren als für ihre kritischen Leser, die daran die melancholische Einsicht gewinnen können, wie wenig auf jüdischem Gebiet die Lebensarbeit eines großen Gelehrten auszurichten vermag.