Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vulliauds Übersetzung des Sifra Di-Zeniutha aus dem Sohar und andere neuere Literatur zur Geschichte der Kabbala [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 8)
- Language
- German
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354 viele andere Worte im Sohar sich nur rein literarisch erklärt. Ein ,wirklicher Sprachgebrauch hat ihr nie entsprochen. Wenn ich in dieser Weise die ganzen fünf Seiten durchgehen wollte, müßte ich eine eigene Schrift verfassen, für den Erweis der oben vorangestellten Thesen genügen schon Stichproben. Falsches Aramäisch, und zwar Hebräisch mit aramäischen Formen, ist z. b. in § 1 noch אעבד וועים (von עברה מעם) ,,ergrimmt und zornig“, was auch im Sohar selbst, I, 200a, vorkommt, אתחור für ,,werden“, das ebenfalls dem S. Z. mit den anderen Soharteilen gemeinsam ist. Ein Satz wie כלא לחל אתחזרי, אחתא ומודצתא כלילן דא ברא soll aramäisch sein! Hier ist ans dem Vers Prov 74 אמור לחכמה אחתי את ומולע לבינה תקרא ein Symbolpaar אחתא ומולעתא für die beiden Sefiroth Chochma und Bina gewonnen worden, um die es sich an der betreffenden Stelle handelt. (V. übersetzt, d. h. übernimmt aus Knorrs Uebersetzung, mit grotesker Etymologie, statt ,,Schwester und Freundin“ descend (von נחת!!) et se fait connaltre!) Diese Art, Symbole für die Sefiroth aus Bibelversen zu nehmen, ist völlig identisch mit dem Verfahren in den sefira-theoretischen Homilien des Sohar-Hauptteils. כלילן לא בלא, eine im Sohar unendlich häufige Wendung, ist ein ausgesprochener Hebraismus, und in dem geistigen Sinn, in dem es hier gebraucht wird, durchaus mittelalterlich-philosophischer Sprachgebrauch. Genau so präsentiert sich die sprachliche Physiognomie von § 2. Es ist vielleicht einfach, ein einzelnes Beispiel als beweiskräftig abzulehnen, aber wenn ein Text Zeile auf Zeile so eindeutige Kriterien seines Ursprungs für jeden liefert, der mit aramäischem und hebräischem Sprachgebrauch bekannt ist, läßt sich den Folgerungen nicht gut ausweichen. Die mit לכלא gebildeten Zusammensetzungen מזלא לכלא/ יקירותא לכלא u. a., die im Soharlexikon eine sehr große Rolle spielen, sind der älteren Sprache unbekannt, sondern treten auch in den kabbalistischen Texten erst im Gefolge des Neuplatonismus auf, ja bilden sogar eines der deutlichsten Anzeichen des Eindringens der neuplatonischen Terminologie in die Kabbala. Alltiefe, Allvollendung, All Verbundenheit, Allgestalt, und wie die lange Reihe der Begriffe noch lauten mag, entsprechen durchaus mittelalterliehen hebräischen Terminis, die in der Atmosphäre, in der der Sohar entstand, geläufig waren und sich bei Autoren, die den Sohar nicht kennen konnten, und zwar gerade bei solchen, die die Brücke zum Neuplatonismus hin bilden, erstmalig in der hebräischen Literatur nachweisen lassen: bei Esra, Asriel, und den Autoren des Ijjun- Kreises. Die Verwandlung des lateinischen Fremdwortes בספ'א vesfia aus der alten rabbinischen Literatur in einen mystischen Terminus בם־פא oder בוסיפא für Antlitz, die phantastische Ver- Wendung der pathetisch-unfaßbar klingenden Phrase תקי״ובתא לביסמא für Wange (auf dem Weg über Hohelied 513 לחייו כערוגת הבשם entstanden, wie die Idra rabba III, 139a ausdrücklich bezeugt) und gar das in den wichtigsten Soharteilen noch so oft vorkommende בוצינא לקרלינותא — all dies sind späte und nicht aus einer organischen Sprachentwicklung stammende Bildungen. בוצינא לקרדינותא ist auf jeden Fall eine ganz späte mittelalterliche Wendung.