Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vulliauds Übersetzung des Sifra Di-Zeniutha aus dem Sohar und andere neuere Literatur zur Geschichte der Kabbala [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 7)
- Language
- German
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353 sich die Vorstadien dieser wichtigen Theorie noch durchaus in Texten auf weisen, die zwar ein älteres Stadium der kabbalistischen Ent- Wicklung als der Sohar darstellen, deren mittelalterlicher Ursprung aber überhaupt nicht in Frage gestellt werden kann, nämlich in dem Buch Temunah und der syrischen oder provenzalischen Quelle, die bei Isaak ben Jakob Cohen erhalten ist. Hierüber habe ich in meiner Monographie über den letzteren ausführlicher gehandelt. Die Ent- Wicklung des Motivs von den zerstörten Urwelten findet im Sohar mit der Beziehung der Lehre auf den allegorisch aufgefaßten Vers Gen 3631 ihre Krönung, und die Chronologie dieser Entwicklung ist durchaus eindeutig und läßt sich nicht etwa umkehren. Aber auch die Formulierung dieses ersten Satzes verrät nicht das Aramäisch der tannaitischen oder selbst amoräischen Periode, sondern das mittelalterliche Neuhebräisch der Philosophen. מלבין קדמאין מיתו ודוניהק לא אשתכחו וארעא אתבטלת (statt זיוניהון ist mit guten Texten דידהון zu lesen) — hier haben wir, fein säuberlich aramäisiert und ganz am richtigen Ort, die hebräischen Termini des 12. Jahr־־ hunderts für ,,existieren“ und sein Gegenteil. Genau so wäre im Aramäisch des talmudischen Zeitalters die Fortsetzung dieses Satzes völlig undenkbar, die absolut in mittelalterlichem Stil gehalten ist. Die Superlative wie כסופא דכל בסופיץ ,,die Wonne aller Wonnen“ und Paradoxe zur Umschreibung geistiger Verhältnisse sind hervorstechende Charakteristika des allgemeinen Soharstils. ,,Die Wage hängt an einem Ort, der nicht ist, in ihr werden gewogen die, die nicht existieren; die Wage besteht durch sich selbst“ — das sind völlig mittelalterliche Wendungen. אשתכח und קאים בגופיה subsistens per se ipse1 sind philosophische Hebraismen, die das Uebersetzerhebräisch des 12. und 13. Jahrhunderts voraussetzen. Die Fortsetzung לא אתאחד ולא אתחד benützt in אתאחד ein Targumwort in der spezifischen übertragenen Bedeutung ,,einem Bezirk verhaftet sein“, die das hebräische האחז in der philosophischen und mystischen Literatur des Mittelalters angenommen hat, und die man fast auf jeder Soharseite findet. Freilich — Vulliaud weiß von all dem nichts, weil auch der gute alte Knorr und Chajim Vital davon noch nichts wußten. Die exakten Termini sind durch unexakte und allgemeinere ersetzt. Der dieser Einleitung folgende Abschnitt gibt in obskuren Stich- Worten die Beschreibung wieder, welche die Idra rabba von der Arich Anpin genannten göttlichen Manifestation liefert. Dabei (wie auch später) wird im mystischen Gleichnis die arabisch-galenische Anatomie des Mittelalters benutzt, der ,,Kristalltau“ zwischen dura mater und pia mater. אשגחותא ist ein mystisch weiter entwickelter Hebraismus aus dem m. a.-liehen השגחה. In der Idra rabba III, 130a ist zu dieser Stelle direkt vom ,,Auge der Vorsehung“ ליגא דאשגחותא, also einem typisch mittelalterlichen Tropus, die Rede. Der Ausdruck גוקבא דפרדשקא für die Löcher der Nasenhöhlen, den auch die Idroth gebrauchen, ist eine ganz künstliche und schiefe Weiterentwicklung des mischnischen פרדסקא Nische, die wie so 1 Daß die höchste Sephira durch sich selbst subsistiert עומדת בעצמה sagt auch Todros Abulafia in seinem שער הרדם zum Vers יראת ה׳ טהורה. Monatsschrift 75. Jahrgang. 23