Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Vulliauds Übersetzung des Sifra Di-Zeniutha aus dem Sohar und andere neuere Literatur zur Geschichte der Kabbala [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829981-2837058--50698-2837134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
350 zu sagen: das S. Z. ist von vornherein im Zusammenhang mit einem anderen Text, den wir ebenfalls besitzen, nämlich der Idra rabba als dessen absichtlich verdunkelt vorgetragene Abkürzung verfaßt worden; und warum das nicht im 13. Jahrhundert geschehen sein soll, ist bei V. auch nicht mit einer Silbe bewiesen. Daß jemand, der ohne Kenntnis der kabbalistischen Anschauungen an einen von vornherein als Abbreviatur konzipierten Text heranginge, ihn nicht verstehen könnte, ist ebenso wahr wie belanglos für die Frage nach dem Alter eines solchen Textes. Man darf füglich sagen, daß diese Methode, durch ganz nichtssagende, aber mit Applomb und Verve vorgebrachte ,,Argumente“ ein gewisses Dunkel um den Gegenstand zu verbreiten, in diesem Buch sehr erfolgreich durchgeführt ist: man wird, wie schon in V.s früherem Werk, vieles über viele Dinge erfahren, nur nicht das, worauf es ankommt. Und das ist im Fall des S. Z. folgendes: Enthält die Sprache dieses Büchelchens deutliehe Kriterien seiner Entstehungszeit? Welches sind sie? Läßt sich die elliptische Vortragsart in ihrem Verhältnis zu der ausführliehen in den anderen Hauptteilen des Sohar bestimmen? Wenn ja: beweist sie einen anderen Autor oder eine andere Entstehungszeit als die übrigen Teile? Läßt sich aus der literarischen Struktur des Textes etwas folgern? Dies sind die Fragen, die von einem Uebersetzer des S. Z. beantwortet werden mußten! Aber, und damit kommen wir wieder auf den traurigen Zustand der älteren Forschung zurück, V. läßt sich seine Fragestellungen nicht von der Sache, die er, wie gezeigt werden wird, gar nicht zu durchschauen in der Lage ist, sondern von seinen Vorgängern vorschreiben: Probleme, die jene nicht deutlich formuliert haben, existieren für ihn nicht. Und da bisher in der Tat nicht sehr viel Intelligentes über das S. Z. vorgebracht worden ist, besteht V.s Tätigkeit darin, sich zustimmend oder polemisch über diese Aeußerungen zu ergehen, soweit sie ihm bekannt geworden sind, ohne irgendwo eine aus dem Gegenstand selbst gezogene, nicht scholastisch-dialektische Methode zu entwickeln. Bei der Betrachtung seiner Uebersetzung wird der Grund dieser ganz unproduktiven Haltung sehr deutlich werden, welcher einfach in der Sprachunkenntnis des Autors liegt. Das Unheil geht aber noch weiter. Die Kabbala hat sich nach dem Erscheinen des Sohar weiter entwickelt, ja sie hat 300 Jahre später in Safed eine Revolution tiefgreifender Natur durchgemacht, in der völlig neue Gedankenreihen aufgetaucht sind, neue Systeme, für die der Sohar nur ein recht willkürlich benutztes exegetisches Medium war. Den Sohar aus den Traditionen des 300 Jahre nach seiner Publikation entstandenen lurjanischen Systems zu interpretieren, mag zwar dem frommen Kabbalisten gestattet sein, der selbstverständlich leugnen muß, daß seine heilige Tradition keineswegs ihre Identität bewahrt habe, aber für die wissenschaftliche Forschung sind solche Bemühungen von höchst zweifelhaftem Wert. Der Schriftenkomplex des Sohar muß aus sich selbst und aus der alten Literatur bis zur Zeit seiner Veröffentlichung erklärt werden — dies einleuchtende methodische Prinzip, mit dem die wissen־־ schaftliche Arbeit steht und fällt, ist V. unbekannt, wie es so vielen vor ihm, Juden und Christen, unbekannt geblieben ist. In einer