Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neue Literatur über Paulus und das Urchristentum [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 334 (sequence 7)
- Language
- German
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334 Gotteserkenntnis. Das Buch ist ein bezeichnendes Beispiel für die Erschöpfung der literarkritischen und religionsgeschichtlichen Methoden. Ihre Ergebnisse werden ,,vorausgesetzt und anerkannt", d. h. praktisch kümmert man sich nicht mehr darum. Die neue Methode der ,,Grundinterpretation0 fragt wieder nach dem sachliehen Gehalt der vorliegenden Texte. Dabei bedient man sich eines komplizierten Fachjargons. Die Ergebnisse stehen in keinem Verhältnis zu der Schwierigkeit und Umständlichkeit, mit der sie vorgetragen werden. Der Ertrag für die Erkenntnis des hellenistischen Judentums ist gering. W. G. Kümmel, Römer 7 und die Bekehrung des Paulus, Leipzig 1929, versucht eine Lösung des Problems, daß die Ausführungen des Apostels in‘Rom 7713־ bilden: ,,Die Sünde kannte ich nicht außer durchs Gesetz . . . Ich lebte weiland ohne Gesetz; da aber das Gebot kam, ward die Sünde lebendig . . . denn die Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbe Gebot. ,,Man hat in diesen Worten eine autobiographische Schilderung des vorchristlichen Lebens des Paulus sehen wollen. Kümmel weist mit Recht darauf hin, daß das unmöglich ist; ein jüdisches Kind ist nie außerhalb des Gesetzes gewesen, die Stellung des Pharisäers zum Gesetze war stets freudig und dankbar; kein Jude hätte vom Fluche des Gesetzes gesprochen, wenn er natürlich auch das Gefühl eigener Sündhaftigkeit kannte. Kümmel meint, Paulus gebe in diesen Worten eine Schilderung des unerlösten Nichtchristen vom Standpunkt des Christen Paulus aus. Das ,,Ich" sei nur Stilform1. Diese Lösung ist unbefriedigend; denn wie kann ich die Stilform von ,,mir" zu sprechen an wenden, wenn das, was ich sagen will, für mich ganz offenbar unmöglich ist. Die Stelle ist einer der Versuche des Paulus, seine Ablehnung des Gesetzes zu rechtfertigen, indem er nachträglich für seine Jugend schlechte Erfahrungen mit dem Gesetze konstruiert. Wertvoll sind die Ausführungen Kümmels, daß wir aus den Selbstzeugnissen des Paulus keinerlei Anhalt gewinnen für die Annahme einer inneren Vorbereitung der Bekehrung durch sittliche und religiöse Zweifel. Die Bekehrung sei ohne Uebergang erfolgt. ,,Alle psychologisierenden Hypothesen führen nur an den Tatsachen vorbei." Ernst Barnikol, die vorchristliche und frühchristliche Zeit des Paulus nach seinen geschichtlichen und geographischen Selbstzeugnissen im Galaterbrief, Kiel 1929 ist äußerst skeptisch gegenüber vielen herkömmlichen Meinungen. Er bezweifelt, daß P. aus Tarsus stammt, da er selbst nie davon spreche. Jedenfalls sei der Einfluß von Damaskus mit seiner zahlreichen durch Josephus bezeugten Judenschaft und mit seiner ausschlaggebenden Bedeutung für Kultur- und Religionsentwicklung des Hellenismus für ihn entscheidend gewesen. Auf Grund von Gal 5U behauptet Bamikol, daß P. vor seiner Bekehrung Heidenmissionar des Judentums war. In Damaskus habe er seinen Standort gehabt. Aber die Bekehrung wie auch die Verfolgung 1 Aehnlich schon C. G. Montefiore in Judaism and St. Paul, London 1914, S. 102 f.; Kümmel scheint diese wichtige Studie nicht zu kennen.