Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neue Literatur über Paulus und das Urchristentum [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 333 (sequence 6)
- Language
- German
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333 Sektierern allegorisch gedeutet wurden (siehe Strack-Billerbeck-III, S. 382—399). Das Werk Schweitzers ist eine hervorragende Förderung der Wissenschaft, und das schöne Denkmal einer Theologie, die aus echt christlicher Frömmigkeit und Wahrheitsliebe hervorwächst. Als Ergebnis bleibt: Paulus lebte wie Jesus ganz in Endzeiterwartung und war in erster Linie Mystiker. Eine ganz andere Auffassung vertritt Bultmann in dem sehr gedrängten Artikel ״Paulus“ des Handwörterbuches ,,Religion in Geschichte und Gegenwart“, IV. Band 1930, Sp. 1019 bis 1045. Hier wird abgelehnt, Mystik und Eschatologie als Grund- Stimmung des Paulus zu betrachten. Seine Theologie wird als eine Anthropologie dargestellt. Es findet sich nicht einmal ein eigener Abschnitt über die Christuslehre oder die Endzeiterwartung des Paulus. Das ist zweifellos eine Vergewaltigung des Tatbestandes aus den theologischen Modeströmungen der Gegenwart heraus. Man hat den Eindruck, als ob diese protestantische Theologie jene Grundgedanken des Paulus — ,,Jesus war Christus“ und ,,das Reich Gottes ist da — übersehen will, da sie ihr selbst nichts bedeuten. Sehr klar schildert aber Bultmann die religionsgeschichtlichen Voraussetzungen der Theologie des Paulus, die bei Schweitzer zu kurz kommen. Bultmann sieht sie 1. in der rabbinischen Bildung des Paulus, 2. in der Predigt des Einen Gottes und seines Gerichtes in der hellenistisch-jüdischen und der vorpaulinisch-christlichen Propaganda, 3. in der Diskussion über das Gesetz, die in den gleichen Kreisen längst in Gang gewesen sei, 4. im Kyrioskult und den Sakramenten die sich im vorpaulinischen hellenistischen Christentum ausgebildet hatten, 5. in der Gnosis und dem Pneumatikertum. Die Sakramente sind nach B. in hellenistisch-christlichen Gemeinden Syriens unter dem Einfluß hellenistischer Mysterien entstanden und von Paulus dorther aufgenommen. Ueberhaupt legt B. größten Nachdruck auf die griechischen Elemente in der Bildung des Paulus, wie er auch in wertvollen früheren Studien nachgewiesen hatte, daß Stil und Gedankenwelt des Paulus stark von der popularphilosophischen Diatribe beeinflußt sind. B. leugnet nicht das Jüdische an Paulus, weiß es aber nicht genügend deutlich zu machen. Wichtig ist sein Nachweis, daß die Bekehrung keine Bußbekehrung war, daß Paulus sich darnach nicht von einer Last befreit fühlt, sondern eine stolze Vergangenheit zum Opfer gebracht zu haben meint. B. hält wie die Mehrheit der neueren Theologen für echte Paulusbriefe mindestens: Röm I. II. Kor Gal, Philipp, I. Thess, Phil. Der Artikel ist eine gute Einführung in die Gedankengänge und Auffassungen der liberalen protestantischen Theologie. In die neuesten Diskussionen, die stark durch die Uebernahme der Phänomenologie in bestimmten protestantischen Theologenkreisen gefärbt sind, greift Gerh. Kuhlmann ein mit seiner Jenaer Doktordissertation Theologia naturalis bei Philon und bei Paulus (C. Bertelsmann, Gütersloh 1930, Preis RM. 4,50). Es werden die Beziehungen paulinischen Denkens zum hellenistischen Judentum an einer Gedankengruppe untersucht, für die nahezu wörtliche Parallelen vorliegen, an der Theorie der natürlichen