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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 5 · p. Seite 332

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 5
Article
Neue Literatur über Paulus und das Urchristentum [Rezension]
Date
1931-01-01
Page
Seite 332 (sequence 5)
Language
German
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332 einmal prinzipiell ans. Sehr richtig sagt er selbst, daß Paulus sich den Weg zur Ethik abgeschnitten habe (S. 270). Ethik ist ein Sollen. Mag für Paulus, wer ,,in Christo ist“, frei von der Welt und damit erst zum wirklichen Guten fähig sein, mag er selbst das Vorbild einer sittlichen Persönlichkeit gewesen sein, wofür Schweitzer das Material erschöpfend zusammengestellt hat, er kann nicht zu sittlichen Forderungen kommen. Oder vielmehr er ist inkonsequent gewesen, wenn er trotzdem solche Forderungen aufgestellt hat (Röm 138-10 u. a.). Alle Mystik ist statisch, ein unveränderliches Sein. Alle Ethik ist dynamisch, ein ewiges Werdensollen. Damit, daß Paulus Mystiker ist, verläßt er das Judentum, das in Nach־ folge der Propheten stets eine ethische Religion geblieben ist und Mystik nur am Rande seiner Erscheinungsformen geduldet hat. Mit Genugtuung sei anerkannt, daß Schweitzer seinen in der Geschichte der Leben-Jesu-Forschung eingenommenen Standpunkt aufgegeben zu haben scheint, daß man aus den rabbinischen Quellen so gut wie gar nichts zur Geschichte des Urchristentums lernen könne. Wie wäre eine solche Meinung noch haltbar nach den Forschungen von christlichen Gelehrten wie Billerbeck, Dalman, Fiebig, Herford, Gerhard Kittel, G. F. Moore, Strack, Schiatter und jüdischen Forschern wie Abrahams, J. Klausner, C. G. Montefiore,'S. Zeitlin u. a. (die jüdische Wissenschaft Deutschlands hat hierzu so gut wie nichts beigetragen). Schweitzer hat sogar sein Manuskript von Gerhard Kittel auf das Verhältnis zum Judentum hin durcharbeiten lassen. Freilich enthält das Buch auf diesem Gebiete doch noch manche Lücken und Schiefheiten. Es soll nicht mit dem Verfasser darüber gerechtet werden, daß er dem schlechten Beispiel seiner Gewährsmänner folgt und das mit dem abwertenden Namen ,,Spätjudentum“ benennt, was richtiger Frühjudentum heißen müßte. Aber immer noch glaubt er, es in den Apokryphen besser kennen lernen zu können als in den rabbinischen Schriften, die es selbst als seine eigentliche Meinung autorisiert hat. Er behauptet, die Schriftgelehrten kennten keine universalistische, messianische Erwartung mehr; an Stelle dessen hätten sie praktische Heidenmission getrieben (S. 176). Es ist auch nicht richtig, daß die Rabbinen das messianische Reich nur als Zeit der vollendeten Gesetzeserfüllung denken1 (S. 187): ,,die Gebote hören in der kommenden Welt auf“ (Nidda 61 b). Aus einigen Stellen der Apokalypsen Esra und Baruch soll nach Schweitzer hervorgehen, daß auch bei den Schriftgelehrten ein tiefes Bewußtsein der menschliehen Sündhaftigkeit mit dem Problem des Gesetzes ringe. Aber diese Stellen zeigen nichts davon; es findet sich bei den Rabbinen nichts dergleichen, weil dies Ringen nur ein persönliches Problem des Paulus ist, ein Produkt seines schlechten Gewissens gegenüber seiner pharisäischen Vergangenheit. Die jedem Rabbinen unerschwingliche Art des Paulus, das Gesetz ,,du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, wenn er drischt“ (I Kor 99-10), wegzudeuten, gewinnt noch einen anderen Hintergrund, wenn man beachtet, daß gerade die ähnlichen Gesetze von צפור Jp und אותו ואת בנו von jüdischen 1 Siehe Michael Guttmann a. a. 0., S. 5ל ff.

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