Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neue Literatur über Paulus und das Urchristentum [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 330 (sequence 3)
- Language
- German
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330 der sieh in systematischer Folgerichtigkeit auseinandersetzt mit einer Zeit, die anders geworden ist als da Jesus lebte und hoffte. Er glaubt sämtliche Briefstellen in Einklang bringen und sie auf wenige ganz einfache Gedanken zurückführen zu können. Er־ scheinungsweisen des Auferstandenseins mit Christo seien Leiden, wie sie Paulus selbst reichlich zuteil wurden, und Geistbesitz. Zur Heidenmission sei Paulus nicht aus praktischen Erwägungen ge־ kommen, sondern weil seine Theorie das Heil für alle verlangte. Die Annahme des Gesetzes durch die bekehrten Heiden lehne er ab, weil er immer den Gedanken des Status quo vertrete: jeder solle in dem Zustand bleiben, in dem er erwählt wurde, als Jude jüdisch, als Heide heidnisch, als Sklave untertan, als Verheirateter verheiratet usw. (I Kor 7). Die Sakramente der Taufe und des Abendmahls, das aber im Urchristentum ein morgendliches ,,Herren"־ mahl gewesen sei und gar nicht an das Abschiedsmahl Jesus von seinen Jüngern anknüpfte, seien aus der Eschatologie hervorge־ wachsen. Diese forderte eine ,,Versiegelung" der für das Gottesreich Auserwählten. Für Paulus trete der Christ durch die Sakra־ mente mit dem Leib und dem Blute Jesus in mystische Gemeinschaft. Die Ethik sei für Paulus eine Wirkung des Gestorben- und Auferstandenseins mit Jesus. Dadurch werde der Christ frei von der Welt und damit erst zu wahrhaft ethischem Tun fähig, wie es Paulus in seinem Leben bewährt habe. Nach Paulus konnte das Christentum durch Ignatius von Antiochien, Polykarp von Smyrna, Justin und andere helienisiert werden. Man hielt sich dabei an den Jesusglauben und die Sakramente und streifte die jüdische Lehre vom Messias und die Eschatologie ab, da die lebendige Erwartung des Endes mit der Zeit erlosch. Diese Hellenisierung des Chr. sei eine Verarmung, von der es sich bis heute nicht erholt habe. Schweitzer schließt mit einer Darstellung des Unvergänglichen der Mystik des Paulus, das er darin sieht, daß er das Recht des Denkens im Christentum sichergestellt und ihm einen gleichzeitig mystischen und ethischen Charakter aufgeprägt habe. Schweitzers Darstellung ruft starke Bedenken wach. Ist Paulus ein so systematischer Denker gewesen, wie es hier den Anschein hat? Schweitzer selbst muß zugeben (S. 25) ,,drei verschiedene Lehren von der Erlösung gehen bei Paulus nebeneinander her, eine eschatologische, (das Ende der Welt ist da), eine juristische (Gerechtigkeit durch Glauben) und eine mystische (der Christ ist nicht mehr in der Welt, sondern in Christo)." Vergeblich ist der Versuch des Forschers, zu zeigen (S. 201 ff.), daß die Gerechtigkeit aus dem Glauben schon in der Christusmystik mitenthalten sei. Die einzige Stelle, die er dafür anführen kann (Phil 38-9) ist nicht tragfähig genug für den Gedankenbau, den Schweitzer errichtet. Er hat Recht, daß die bisherige Forschung die Lehre von der Gerechtigkeit aus dem. Glauben zu sehr betont und die Mystik des Paulus nicht genügend gewertet hat, weil dem modernen Menschen das Geistige und Individualistische jener Lehre mehr liegt als das Naturhafte, Kosmische und Kollektive des mystischen Geschehens. Aber verfällt Schweitzer nicht in den entgegengesetzten Fehler, wenn er alle Gedanken des Paulus aus seiner Mystik erklären will? Schweitzer