Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Josef Horovitz zum Gedächtnis
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 mit ähnlichen Fragen ringenden Jünger der Wissenschaft in seinen Bann zog. Ein Zufall wollte es, daß sein Lehrer, Eduard Sachau, der Arabist der Universität Berlin, gerade damals die Herausgabe eines der bedeutendsten frühen Historiker und Biographen Muhammeds, des Ibn Saad, in Angriff zu nehmen begonnen hatte. So wurde und blieb die Erforschung der religiösen Kräfte, die in Muhammed wirkten und von ihm ausstrahlten, und die Frühgeschichte des Islam die wissenschaftliche Lebensaufgabe unseres Josef Horovitz. Der geistvolle französische Religionshistoriker Ernest Renan hat in seinen Etudes d'histoire religieuse den oft zitierten Satz niedergeschrieben, daß wir im Gegensatz zu Buddhismus, Judentum, Christentum und zu den meisten anderen Religionen beim Islam das seltene Schauspiel einer Religion haben, die bei hellem Tage geboren wird. Er will damit zum Ausdruck bringen, daß die Nachrichten über den Stifter des Islam gewisser sind als die für die Ur- Sprünge der anderen Religionen; und in der Tat zweifelt auch die schärfste Kritik nicht an der Echtheit der wesentlichen Teile des Koran; dazu kommt, daß sich eine bis auf seine eigenen Zeitgenossen zurückgehende Tradition über die Person Muhammeds erhalten hat, und daß wir Lebensbeschreibungen von ihm besitzen, die gleichfalls in die älteste Zeit des Islams zurückreichen. Trotzdem ist das Wort Renans nicht richtig, denn letzten Endes gewährt uns das Licht, das die Quellen auf die Urzeit des Islam fallen lassen, kein klares Bild. Aus dem Koran lernen wir zwar den Lehrinhalt des Islam und so manches Bedeutungsvolle über seinen Stifter, von der eigentliehen religiösen Entwicklung Muhammeds aber, besonders in der Zeit seiner ersten Visionen in Mekka erfahren wir so gut wie nichts. Ebenso steht es mit den Traditionssammlungen und mit den historischen Darstellungen; gerade die ältesten Berichte sind verloren gegangen, und die späteren, uns erhaltenen Auszüge undErweiterungen verlegen in tendenziöser Umgestaltung den Hader der Parteien und das dogmatische Gezänk der späteren Epigonen bereits in die ältere Zeit, glorifizieren außerdem den Eiferer Muhammed mit strahlendem Scheine und umkleiden ihn mit so viel Frömmigkeit, daß der einfache, seiner göttlichen Sendung hingegebene Mensch und die ihm ergebene Urgemeinde kaum mehr erkenntlich wird. Josef Horovitz hat daran gearbeitet, diesen Heiligenschein, den spätere Generationen dem Bilde Muhammeds zugefügt haben, mit Vorsicht wegzuretouchieren, um so dem realen Muhammed näherzukommen. In seiner Dissertation, mit der er an der Berliner Universität im Jahre 1898 promovierte, behandelt er einen der bedeutendsten älteren Historiker, den Wäkidi, der ein Werk über die Feldzüge Muhammeds verfaßt hat, und kommt in Uebereinstimmung mit Wellhausen, der über den gleichen Gegenstand vorher gearbeitet hatte, zu dem Ergebnis, daß Wäkidi zwar wegen der Fülle des von ihm gebotenen Ueberlieferungsstoffes von Wichtigkeit sei, daß er aber gegenüber Ibn Ishak, dem über 50 Jahre älteren Biographen Muhammeds, den wir aus zwei jüngeren Historikern, die ihn ausgeschrieben haben, kennen, an Bedeutung zurücktreten müsse, weil er tendenziös gefärbte Traditionen bietet. Wäkidi umkleidet nämlich bereits Geburt und Kindheit des Propheten mit Legenden und schreibt ihm Wundertaten zu, die tun zu können 21*