Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Josef Horovitz zum Gedächtnis
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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322 die Wissenschaft das ist, was sie eigentlich ist, die in Menschenherz und Menschengeist nie erlöschende Glut, der das Innere immer von neuem aufrührende und das ganze Sein des Menschen beherrschende Drang nach Erkenntnis, für einen solchen Wissenschaftler, wie Josef Horovitz es im wahrsten und heiligsten Sinne des Wortes war, steht nicht das Menschsein auf der einen und irgendwelche gelehrte Betätigung auf der anderen Seite als zwei nebeneinander hergehende Erscheinungsformen oder Lebensäußerungen, für einen solchen Mann sind Leben und Wissenschaft, Menschsein und Erkenntnisdrang vielmehr eine innig und stark miteinander verbundene untrennbare Einheit. Ich glaube daher, daß ich auch das rein menschliche Bild von Josef Horovitz in so manchen Zügen Ihrem Verständnis näherbringen kann, wenn ich Ihnen darzulegen versuche, was ihn als Gelehrten bewegt hat, und wenn ich Ihnen von seinen Wissenschaftliehen Arbeiten und Plänen spreche, die sein Leben für ihn erst lebenswert gemacht haben. Als der junge Student nach Berlin ging, um dort sein Studium zu beginnen, das aus Neigung und innerem Bedürfnis gewählt war, und von dem man nicht wissen konnte, wie es einmal zu einem bürgerlichen Berufe führen würde, war er für sein Fach mehr vorgebildet, als ein Student der orientalischen Sprachen gewöhnlich vorgebildet zu sein pflegt. In dem Elternhause hatte er soviel Sinn für wissenschaftliches Denken und Arbeiten, soviel Scheu vor religiösem Erleben, soviel Verständnis für liebevolle Versenkung in die Vergangenheit, soviel positive Kenntnis der hebräischen Sprache und der biblischen und nachbiblischen Literatur mit auf den Weg bekommen, daß die Erlernung des Arabischen und der anderen orientalischen Sprachen ihm leicht fiel, und daß das Verständnis für die Religionen des Orients und insbesondere für die Muhammeds ihm schnell auf ging. Das Judentum hat nämlich mit dem Islam bei aller Verschiedenheit in der Zielsetzung doch eine Reihe wesentlicher Züge gemeinsam. In beiden Religionsgemeinschaften wird Denken und Handeln der Bekenner von der Wiege bis zum Grabe und täglich vom Auf stehen bis zum Niederlegen durch einen Kanon, durch ein geoffenbartes sittliches Gesetz geregelt. Gleiche Ausgangspunkte führen häufig auf gleiche Wege und so nimmt es nicht Wunder, daß die Art der Ueberlieferung dieses Gesetzes, die Art, wie unter dem Einfluß des Lebens das Gesetz durch engste Anknüpfung an den ursprünglichen Kanon sich erweitert, die Art, wie der gesamte Kanon dann gesammelt und gelehrt wird, wenn auch nicht gleiche, so doch auffallend ähnliche Entwicklungsreihen durchlaufen. Um den eigentlichen Kern der geoffenbarten Lehre bilden sich in beiden Religionen Schalen zum Schutze des Kerns, die ihrerseits kanonische Bedeutung erlangen und von sich zu ihrem Schutze immer wieder neue Schalen.ansetzen. Der junge Student, der in still und pietätvoll geführtem innerem Kampfe mit der Gebundenheit des Kanons rang, in dem er erzogen worden war, mühte sich darum, die Kräfte zu erkennen und aufzuzeigen, die in der Weiterentwicklung der Religion aus ihrem eigentlichen Kern wirksam sind. Kein Wunder, daß das religionsgeschichtlich reizvolle Problem der Entstehung und Ent- Wicklung der Religion Muhammeds den empfänglichen und persönlich