Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
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310 einer machthungrigen Schicht oder Person auch nur einen Finger breit entgegen käme. . . . Nicht will er Schicht gegen Schicht, Klasse gegen Klasse in seinem Volke aufhetzen, sondern mit seinem Ansturm gegen die Oberen trifft er das Volk als Ganzes, das in solchen Verantwortlichen seinen Abfall von Gott dokumentiert bekommt.“ (S. 126/127.) Das letzte leitet bereits zum nächsten Punkt über. Die Propheten sind nicht Sozialisten. Arnos ,,lebt nur in der einen Angst um den Bund mit Gott, der durch das Volk gestört ist. Seine innere Anteilnähme gilt nicht der Ethik als solcher oder den sozialen Mißständen als solchen. Sein Auge sucht ängstlich im Volksleben die Anzeichen des Altväterglaubens mit den besonderen Formen eines in der berith geordneten Lebens.“ (S. 172.) Max Weber zeigt in Anschluß an Amos 26 ff. das gleichwertige Nebeneinanderstehen eigentlich sozialer Verstöße und dieser beiden, die die Verleitung der Nasiräer zum Bruch ihrer rituellen Pflichten und die Unterdrückung der. Propheten betreffen. Das soziale Unrecht hat seine Schwere, aber nicht d i e, die sie in unseren moaernen Augen hat. Zur Ordnung des Berith gehört die dem Armen zukommende Gerechtigkeit. Die Beugung dieser Gerechtigkeit ist ein Unrecht, und Amos unterstreicht dieses Unrecht mit aller Energie. Doch darf er deswegen nicht als moderner Sozialist gezeichnet werden, sondern er ist der leidenschaftliche Ankläger des den Berith nicht wahrenden Volkes. Das soziale Unrecht wird nicht isoliert — das wäre die moderne Situation —, sondern es erscheint als Bruch des Bundes, der zwischen Gott und Israel besteht. Hierin folgt Gramer den Gedankengängen Max Webers. Doch ist er weiterhin dem sonst geübten Prinzip untreu geworden, die Resultate der säkularen Gedankengänge Max Webers, in denen dieser im Prophetismus Richtiges festgestellt, aber sehr oft mit falschem Vorzeichen versehen hat, in ihre religiöse Bedeutung zurückzu führen. Max Weber spricht von ,,Brüderlichkeitsgeboten“, und Cramer referiert unkritisch: ,,Es sind im Wesen nur Brüderlichkeitsgebote, wie sie auch sonst in der ganzen Welt üblich sind, aber soziologisch anders unterbaut und anders motiviert werden.“ Anderswo spricht Max Weber von der ,,Nachbarschaftsmoral“. Beide Male handelt es sich ihm um die soziale Moral undifferenzierter und kleiner Gemeinschaften. Dagegen ist dies zu sagen: Die ,,Gerechtigkeit“ der Gemeinde (berith) und die des Staates (Polis) unterscheiden sich nicht nach Kategorien primitiv und differenziert, sondern sie unterscheiden sich prinzipiell. Dem säkularen Denken Webers blieb es versagt, das einzusehen. Die Gerechtigkeit des Berith ist in ihrer sozialen Tendenz nicht politisch, sondern seelsorgerisch. Sozialismus ist immer eine politische Haltung im Staate. Die Betätigung der Bruderliebe (bibl. Nächstenliebe) ist die religiöse Haltung des in der Gemeinde Stehenden. Daß dies der positive Grund ist, der die Propheten nicht zu ,,Sozialisten“ werden läßt, ist bei Gramer zu wenig unterstrichen. Die Propheten sind nicht puritanische Verächter des Kultus. Gramer führt diesen Nachweis überzeugend auch bei Am 521-26. Statt eines Eingehens auf diese ausführlichen und wertvollen Darlegungen sei hier nur eine Stelle aus Hosea angeführt, die die tiefe Traurigkeit darüber ausdrückt, daß Israel einmal seines Kultus werde entraten müssen. ״Dort spenden sie Gott keinen Wein und schichten ihm keine Opfer. Wie Trauerbrot ist ihr Brot. Wer davon ißt, wird unrein. Dort dient ihr Brot ihrem Hunger, nichts kommt davon in das Haus Gottes. Was werdet ihr tun am Tage der Zusammenkunft, am Tage der Gottesfeier?“ (Hos 94, 5). Kultus und Eschatologie sind darin verwandt, daß sie beide den Menschen unmittelbar vor Gott stellen (Cramer, S. 144). Auch von hier aus ergibt sich, daß bei den Propheten, den Trägern einer eschatologischen Botschaft, die Antithese Sittlichkeit — Kultus nicht untergebracht werden kann. Sie bekämpfen den Kultus nicht als solchen, sondern weil sie mit Grauen entdecken, daß in diesem Kultus gar nicht der alte Bundesgott verehrt wird. Hosea formuliert es so: sie opfern dem Baal. Die Propheten sind nicht mit kan tischen Augen zu sehende Ethiker. ״Amos fordert nicht auf zur Sittlichkeit an sich, sondern zum Glauben an Gott.“ ״Was Jesaja Glauben heißt, nennt Amos Jhwh oder das Gute suchen“ (S. 122). ״Amos tritt nicht als Individuum mit einer besonderen Ethik dem Volke gegenüber auf, sondern'steht in der Reihe der großen Männer seines Volkes, deren heiligste Aufgabe es gewesen ist, den alten Glauben der Väter im Kampfe gegen heidnisches Unwesen zu läutern und zu erhalten“ (S. 125). Gramer zitiert hier Weber: ״Nicht die Prophetie schuf den m a t e, r i e 11 e n