Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
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309 Karl Gramer: Amos, Versuch einer theologischen Interpretation. Stuttgart, W. Kohlhammer, 1930. 215 S. Dem Verfasser kommt es in erster Linie auf die prinzipielle Klärung an. Was sind die Propheten? Die Propheten sind nicht Ekstatiker, sind nicht Utopisten, sind nicht Sozialisten, sind nicht puritanische Verächter des Kultus, sind nicht mit kantischen Augen zu sehende Ethiker. Die Propheten sind nicht Ekstatiker. ,,Ich habe aber einen Haupteinwand gegen diese ekstatisch-psychologistische Deutung, der das eigene Leben der Propheten «wie ausgebrannt durch göttliche Glut» (Gunkel) erscheint: die darin enthaltene Auffassung vom Menschen ist eine für beide Teile, für den Menschen sowohl wie Gott, so entwürdigende, daß sie dem hohen Ernst des alttestamentlichen Glaubens nicht gerecht wird. Wird nicht bei solchen Deutungen der Mensch zu einer Mediumsache degradiert, mit der Gott wie mit einer entseelten Puppe sein Spiel treibt? So wird doch nicht einmal ein Tier behandelt! Erst recht unwürdig ist diese Deutung für die Gottes auf fassung, die durchaus an abnorme, für Psychologen vielleicht interessante, aber für den Glauben doch recht irrelevante, weil unserer Erfahrung nur hypothetisch zugängliche Lebensformen gebunden werden soll. Damit sollen ekstatische Erscheinungsformen des religiösen Lebens keineswegs geleugnet werden. . . . Ich lege aber scharfe Verwahrung ein gegen die durch die Quellen nicht , gerechtfertigte Betonung und Erhebung solcher peripheren und unkontrollierbaren Formen des Glaubenslebens zu konstitutiven Elementen von zentraler Bedeutung.“ (S. 20/21.) Gramer nimmt eine Analyse der ,,Gesichte“, die sich bei Amos und den andern Propheten finden, vor und kann zeigen, daß es sich hier um Stilformen handelt, um eine durch das Auftreten der zur offiziellen Zunft gehörenden Newiim gegebene Form der prophetischen Rede. ״Er (Amos) wendet sie an, nachdem er ihr den Giftzahn ausgebrochen, und vermeidet auf diese Weise die geringste Berührung mit deren orgiastischen Nutznießern.“ (S. 196.) Gramer zeigt die enge Verwandtschaft von Gesicht, Gleichnis (Maschal) und Rätselwort (Ghida). ״Man kann also sagen, daß die Gesichte auch nur ein Wort Gottes sind. Somit buchstäblich verbum visibile, dem Amos hörend gegenübersteht.“ (S. 197.) Warum dann überhaupt Gesichte? Das Gesicht ״dient nicht zur Enthüllung, sondern zur Verhüllung der Offen barungs wahr heit. Wie sollte auch der Mensch von Gottes Plänen anders als in Rätseln verhüllt sprechen?“ (S. 204.) Die Propheten sind nicht Utopisten. Versteht man unter Utopisten ״Leute, die phantastische, unausführbare Pläne zu einer Weltverbesserung und Beglückung aller entwarfen, so darf man diesen Namen für die Propheten nicht wählen. Sie gehen nicht darauf aus, jemanden oder gar alle zu beglücken. Sie kämpfen nur für die Reinheit und Unversehrtheit des ererbten Gottesglaubens. Allerdings wissen sie darum, daß dieser Glaube immer im Begriffe steht, diese Welt von Grund auf umzuwälzen. . . . Ihre Zukunftsschilderungen sind nicht Ausgeburten heißblütiger Fanatiker des Umsturzes, sie sind nur stammelnde Versuche, mit menschlichen Mitteln das Unsagbare göttlichen Tuns und Waltens zum Ausdruck zu bringen. Das klingt dann unseren Ohren utopisch, ist es aber schon aus dem Grunde nicht, weil die Erdgebundenheit der Propheten eine zu große ist. Sie sind wirklich ganz konkret und diesseitig in ihrem Urteil und in ihrer Hoffnung. ... Sie stehen mitten in ihrem Volke und sprechen aus dem Glaubensgut des Volkes heraus, ohne sich abheben oder, wie das bei Politikern unseres Begriffes doch unvermeidlich ist, in den Vordergrund drängen zu wollen. Utopien sind ihre Sprüche nur für den, der ihre Glaubensäußerungen meint ins Human-Ethische übersetzen zu müssen.“ (S. 176.) ״Eine Staatsidee macht dem Propheten (Amos) keinen Kummer, wohl aber Sein oder Nichtsein des B u n d e s Volkes.“ (S. 175.) Das Buch des Amos ist nicht das ״Expose eines Ethikers mit einem vaterländischen oder kosmopolitischen Hintergrund.“ (S. 213.) ,,Die von ihm geschaute und geglaubte messianische Zeit trägt auch in nichts das Gepräge einer Utopie, die einer Individualanschauung zu Lasten geschrieben werden müßte. In der Aufhebung der Schuldverhaftung gibt es ein frohes Schaffen in Segen auf der ihrer Bestimmung wieder ״gerecht“ werdenden Erde, das ist alles, was Amos erhofft und erwartet. Diese alltägliche Arbeit im Segen spielt sich nicht irgendwo auf einem glücklichen Sterne ab, sie vollzieht sich im nüchternen Rahmen dessen, was schon einmal da war, in den Grenzen eines davidischen Reiches.“ (S. 186/187.) ״Bei Amos ist keine Silbe zu finden, die den Gelüsten