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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 305

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Das jüdische Schulwesen in Polen
Date
1931-01-01
Page
Seite 305 (sequence 14)
Language
German
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305 mit hebräischer in Schulen mit polnischer Unterrichtssprache, sowie gegen den schulbehördlichen (in der Zwischenzeit übrigens bereits abgeschafften) Zwang von Unterricht von bestimmten Lehrfächern in polnischer Sprache, sowie stürmische Demonstrationen gegen Schließen einzelner Schulen, sind nur aus einer ganz bestimmten geistigen Einstellung aus zu erklären. Es ist dies eben dieselbe Eigenart, die einmal die polnische Schuljugend zum Streik gegen die ihr aufgezwungenen Schulen mit fremder (russischer bezw. deutscher) Unterrichtssprache bewogen hat, doch ist hier der psychologische Hintergrund der Kämpfe der Anomalität der jüdischen Verhältnisse entsprechend viel komplizierter und nur in wenigen Fällen ganz genau zu erklären. Dasselbe kann mutatis mutandis auch vom jüdischen Vater gesagt werden, dessen Interesse für die Schule seines Kindes sowohl der besonders Schweren materiellen Belastung, wie auch der ins persönliche Leben hinübergreifenden Kompliziertheit des jüdischen Schulproblems entspringt. Der jüdische Bürger Polens zahlt eine doppelte schwere Schulsteuer: einmal zur Erhaltung der allgemeinen Staatsschule, die sein Kind entweder gar nicht aufnimmt oder doch dem eigenen Gemeinwesen entfremdet, und das andere Mal in der Form des Schulgeldes, das in den jüdischen Schulen naturgemäß entrichtet werden muß. Viel mehr indes als dieses materielle Opfer kommt der innere Prozeß in Betracht, der den Juden mit seiner Schule verknüpft. Muß ja doch hier in jedem einzelnen Fall entschieden werden nicht bloß o b, sondern auch in welche jüdische Schule das Kind geschickt werden soll, und der seelische Kampf, der da in vielen Fällen ausgefochten werden muß, führt naturgemäß zu einer besonders starken innerlichen Verbindung mit der Schule. So sind denn Elternausschüsse, die an allen Angelegenheiten den regsten Anteil nehmen und in manchen Fällen auch nach außen hin als Eigentümer der Schule auftreten, in den allermeisten Schulen eine normale Erscheinung; darüber hinaus werden aber auch oft Elternkongresse einberufen, die die politischen Forderungen des betreffenden Schultypus formulieren, oft übrigens auch den Auftakt zu einer großen materiellen Anstrengung bedeuten. Es sei schließlich noch der letzte Faktor erwähnt, dessen Ein- Stellung zum jüdischen Schulwesen auch ein besonderes Charakteristikum des polnischen Judentums bedeutet: die jüdische Ge- Seilschaft als solche. Die Tatsache, daß an der Entwicklung und dem Existenzkampf des jüdischen Schulwesens in Polen breite Kreise der Gesellschaft den regsten Anteil nehmen, ohne mit diesem Schulwesen durch irgendwelche praktische Interessen verbunden zu sein, beweist mehr denn alles andere, daß dieses Schulwesen unendlich mehr als bloße Erziehungsinstitutionen bedeutet. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer ausgesprochenen politischen Ueberzeugung sind die allermeisten Führer der jüdischen Schulbewegung in Polen zu ihr gekommen, und wenn es die Masse ihnen nachtut, so geschieht es eben zum großen Teil aus derselben Einstellung heraus. Die Schule ist im Leben des polnischen Judentums zu einem politicum geworden und zu einem integralen Bestandteil der jüdischen Renaissancebewegung, mag die Richtung der Bewegung an sich Monatsschrift, 75• Jahrgang. 20

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