Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Polen
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 304 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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304 man die unendlich traurige Wirtschaftslage der polnischen Juden, so wird man sich den schweren Existenzkampf der allermeisten jüdischen Schulen unschwer vorstellen können. Defizite und Unterbilanzen sind da auf der Tagesordnung, die Entlohnung der Lehrerschaft läßt in sehr vielen Fällen an Größe und insbesondere an Pünktlichkeit fast alles zu wünschen übrig; es fehlen entsprechende Schulgebäude und Lehrmittel, ziemlich groß ist auch die Zahl der Schulen, die dem schweren Druck der Zeit nicht standhalten können und zusammengebrochen sind. Und trotzdem wird weiter gekämpft. Es ist ein wahrhaft ergreifendes Schauspiel, wie alle, die mit diesem Schulwesen irgendwas zu tun haben: Eltern, Lehrer, Schuljugend, Schulverwaltungen usw., mit einer seltenen Hartnäckigkeit und Opferfreudigkeit an ihm festhalten, ohne sich durch die bittere Not der Zeit oder durch die äußerst ungünstigen äußerlichen Bedingungen abschrecken zu lassen. Der Kampf um die jüdische Schule wird eben von allen als eine besonders wichtige Pflicht empfunden, der sich zu entziehen einer Sünde gleichkäme. In dieser einzigartigen Erscheinung kommt auch tatsächlich der besondere Charakter der jüdischen Schule in Polen zum Vorschein, der einen scharfen Scheidungsstrich zieht zwischen ihr und zwischen dem Schulwesen der anderen Völker. Alle an der Schule mitwirkenden Faktoren sind hier durch besondere Merkmale charakterisiert. Es zeichnet sich in erster Reihe der Lehrer aus, der sich hier in den allermeisten Fällen gar nicht damit begnügt, Lehrer und Pädagoge zu sein, sondern darüber hinaus in sehr vielen Fällen als Schöpfer dieses Schulwesens und als Führer der Bewegung bezeichnet werden kann, die sich um diese Schulen konzentriert. Die Tatsache der großen ideologischen Zersplitterung des jüdischen Schulwesens in Polen hat ihrerseits ebenfalls dazu geführt, daß der jüdische Lehrer sich auch als Kämpfer einer besonderen Idee fühlt, woraus eine zusätzliche Dosis von Begeisterung und von Opferfreudigkeit geschöpft wird. Dadurch erMärt sich auch die Tatsache, daß diese arme und entrechtete jüdische Schule in vielen Fällen, insbesondere aber in den kleineren Ortschaften, auch als ein geistiges Zentrum der Volksmassen bezeichnet werden kann, das alle, alt und jung, seinem gewaltigen propagandistischen Einfluß unterwirft. Diese Eigenart tritt übrigens auch bei den jüdischen Schülern, wie auch bei den jüdischen Eltern klar zu Tage. Die jüdische Jugend ist mit ihrer Schule in den allermeisten Fällen ideologisch unendlich mehr verbunden, als die Jugend der anderen Völker.־ Daher das rege Gesellschaftsleben innerhalb der Schule, die weitgehende Verwirklichung des Gedankens der Schulgemeinde, die vielen Schüler- Zeitschriften, und Publikationen, daher auch die intensive Verbindung zwischen Schule und Jugendbewegung, deren ideologischer Charakter in den allermeisten Fällen klar zu Tage tritt. Andererseits nimmt die Jugend auch einen regen Anteil an dem Existenzkampf der Schule und in erster Reihe an ihrem Kampf um die ihr gebührenden Rechte. Die Streikfälle gegen Umwandlung von Schulen