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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 302

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Das jüdische Schulwesen in Polen
Date
1931-01-01
Page
Seite 302 (sequence 11)
Language
German
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302 sache auf Originalschöpfungen der jiddischen Sprache zu begründen. Als ein Gegenstück dazu ergibt sich weitgehende Indifferenz> wofern nicht geradezu Feindseligkeit der hebräischen Sprache gegenüber. Hebräisch wird nur in den oberen Klassen der Schulen unterrichtet, und zwar nur soweit, um den Kindern das Studium der althebräischen Literatur zu ermöglichen, obwohl es auch da an Forderungen nicht fehlt, statt des Originals sich einer Uebersetzung ins Jiddische zu bedienen. Sehr streng 1wird auch an dem Grundsatz der Weltlichkeit der Schulen festgehalten. Der Religionsunterricht ist aus all diesen Schulen nicht nur verbannt, sondern es werden auch ununterbrochen Versuche gemacht, den Wert der Religion in den Augen der Schüler durch rationalistische Erklärung der religiösen Vorschriften und Bräuche herabzusetzen. Das ziemlich krankhafte Niederdrücken der religiösen Gefühle mag auch aus der (wohl unbewußten) Besorgnis zu erklären sein, es könnte durch deren Entwicklung der Sprach- Patriotismus geschwächt werden, wie ja auch die Orthodoxie der Sprachenfrage ziemlich gleichgültig gegenübersteht. Tatsächlich setzt sich das jiddischistische Schulwesen durch eine derartige Stellungnähme in Gegensatz zu allen anderen jüdischen Schultypen in Polen, da ja auch das hebräische Schulwesen trotz seiner prinzipiellen Weltlichkeit doch weit davon entfernt ist, die religiösen Gefühle der Schulkinder irgendwie unterdrücken zu wollen, ja sogar die Ethik des Judentums im Erziehungssystem ziemlich weit berücksichtigt. Auch in seiner sozialistischen Färbung steht das jiddischistische Schulwesen ziemlich vereinzelt da. Diese Färbung ist in erster Reihe historisch zu erklären. Sowohl die Führer, wie auch die allermeisten Lehrer in diesen Schulen sind aus der jüdischen sozialistischen Bewegung herausgegangen und betonen auf Schritt und Tritt den Zusammenhang zwischen ihr und der jiddischistischen Schule, die nicht selten geradezu als eine proletarische Schule bezeichnet wird, mag auch die Mehrzahl der Schüler den kleinbürgerlichen Schichten entstammen. So suchen denn all diese Schulen die weitgehendsten Reformpläne des westeuropäischen Schulwesens zu verwirklichen, betonen natürlich auch sehr stark das Arbeitsprinzip und bemühen sich, die Jugend im Geist des Gegensatzes zur bestehenden sozialen Ordnung zu erziehen1. — 1 Im Rahmen dieses Aufsatzes ist lediglich das allgemeine jüdische Schulwesen in Polen zur Behandlung gekommen. Auf das Fachschulwesen, das eine besondere Behandlung erheischt, konnte hier nicht eingegangen werden. Die Juden finden zu den staatlichen und kommunalen Fachbildungsanstalten nur sehr schwer Zutritt, würden übrigens auch sonst nur wenig Nutzen von ihnen haben, da die in allen Fachschulen allein herrschende polnische Unterrichtssprache ihnen nur sehr wenig bekannt ist. So ist denn die jüdische Bevölkerung auch in diesem Falle auf eigene Bildungsanstalten (in der Hauptsache durch die Gesellschaften ״Ört“ und ״Ica“ unterhalten) angewiesen, die, von den Behörden oft schikaniert und nur in wenigen Fällen materiell gestützt, daher außerstande sind, dem immer dringender sich gestattenden Bedürfnis nach einer beruflichen Umgruppierung innerhalb der jüdischen Bevölkerung Polens abzuhelfen. In allen jüdischen Fachbildungsanstalten zusammen sind etwas über 6000 Schüler und Hörer konzentriert, also eine Zahl, die gegenüber der Dreimillionenmasse der Juden in Polen und der halben Million von Arbeitslosen und Luftmenschen nur sehr wenig bedeutet.

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