Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Polen
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 10)
- Language
- German
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301 zweiten Typus der jüdischen utraquistischen Schule in Polen klar zu werden. Der Versuch ist noch sehr jung (die Organisation der jiddisch-hebräischen Schulen ,,Schulkult‘‘ ist erst 1928 begründet worden) und quantitativ ziemlich beschränkt (40 Anstalten mit 5000 Kindern, hiervon die überwiegende Mehrzahl Kindergärten); es ist auch bisher nicht viel zur Klärung des Programms der Schulen und ihrer Erziehungsmethoden getan worden. Fest steht nur das eine, daß es sich dabei um eine Reaktion gegen das extrem jiddischistische Schulwesen handelt, dessen antihebräische und antipalästinische Einstellung trotz Uebernahme des Prinzips des Jiddischen als Unterrichtssprache überwunden werden soll. Im Lehrprogramm, der Schulen nimmt somit der Unterricht im Hebräischen einen ziemlich bedeutenden Platz ein, und es werden auch die nationalen Momente ziemlich stark betont. — Der Typus der extrem jiddischistischen Schule ist dagegen schon längst sowohl zur ideologischen als auch zur organisatorischen Ausbildung gelangt. Auch dieses Schulwesen ist ein Kind des Weltkriegs, doch gehen seine ideologischen Entstehungsgründe noch auf eine frühere Periode zurück und zwar auf die Entstehung der jiddischistischen Sprachbewegung im ersten Jahrzehnt des gegenwärtigen Jahrhunderts, die, in der Hauptsache durch die jüdischen sozialistischen Parteien gefördert, von Anfang an als eine ihrer Hauptaufgaben Gründung von Volksschulen mit jiddischer Unterrichtssprache bezeichnete und mancherlei zumeist mißlungene Versuche auf diesem Gebiete bereits vor dem Weltkrieg unternahm. Auch hier wurde der Geldzustrom von Amerika schnell und entschlossen für die Zwecke der Bewegung ausgenützt; das Netz von Volksschulen, die für die arme Bevölkerung begründet worden waren,, wurde bald ideologisch zusammengeknüpft und weiter ausgebaut; heute stellt die ״Zentrale Jiddische Schulorganisation in Polen“ (kurz ״Zischo“ genannt) mit ihren 215 Lehranstalten (110 Volksschulen, 3 Gymnasien, 1 Lehrerseminar, 40 Kindergärten, 60 Abendkurse und 1 Kindersanatorium) und 23 043 Zöglingen, sowie 754 Lehrem einen gewichtigen Faktor im jüdischen Schulleben Polens dar,, der an zahlenmäßiger Bedeutung dem rein hebräischen Schulwesen fast gleichkommt. Auf zwei Prinzipien ist dieses gesamte Schulwesen aufgebautr Absoluter Jiddischismus und absolute Weltlichkeit, zu denen noch als ein Drittes ihre radikal gesellschaftliche, wesentlich sozialistische. Gesinnung kommt, die sich sowohl durch die Gesinnung ihrer Führer, wie auch durch die Zusammensetzung der Elternkreise dieser Schulen erklärt. Jiddisch ist hier nicht bloß Unterrichtssprache, sondern auch der Mittelpunkt der Schulpraxis, an dessen Ausbildung fanatisch gearbeitet wird. Es soll nach einem Beschluß der zweiten Lehrerkonferenz dieser Schulen versucht werden, das Geistesleben des Kindes ganz um diese Sprache zu konzentrieren und ihm in ihr alle sowohl allgemein menschlichen, wie auch jüdische Kulturwerte zu. überliefern, gleichzeitig aber auch im Kind die Liebe zur Sprache zu wecken. Selbst die bedeutendsten Literatürwerke der Gegenwart sollen dem Kind in jiddischer Uebersetzung übermittelt, anderseits* aber auch der Versuch gemacht werden, die Erziehung in der Haupt-