Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Polen
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 9)
- Language
- German
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300 folgenden Jahren begründet worden, wenngleich ihre Anfänge noch auf frühere Jahre zurückgehen (die erste Schule dieser Art wurde im Jahre 1912 in Lodz durch Rabbiner Dr. Markus Braude begründet, der als Schöpfer der Idee der nationalen Mittelschule in Polen und Führer der Bewegung gilt, die sich um sie konzentriert). Der Ausgangspunkt der Bewegung war der Kampf gegen die mechanische Polonisierang der jüdischen Jugend, der sowohl in den staatlichen Mittelschulen, als auch in einem weit größeren Maßstab durch die zahlreichen privaten, rein opportunistisch eingestellten Erziehungsinstitutionen für die jüdische Mittelschuljugend betrieben wird. Um die jüdische Bevölkerung für die Idee einer nationalen jüdischen Mittelschule zu gewinnen und ihr auch den praktischen Nutzen davon zu sichern, mußten alle diese Mittelschulen die polnische Unterrichtssprache annehmen (Mittelschulen mit hebräischer und jiddischer Unterrichtssprache genießen nämlich, wie in der Folge noch gezeigt werden wird, kein Oeffentlichkeitsrecht), dagegen wurden sie von Anfang an durch ein umfangreiches Lehrprogramm für jüdische Unterrichtsfächer ergänzt und betonen stark die nationalen Momente in der Erziehung, sowie den Zusammenhang mit dem jüdisehen Geistes- und Kulturleben. Das Programm der Schulen wurde auf ihrer ersten gemeinsamen Konferenz (Mai 1921 in Lodz) festgelegt und bezeichnet als Aufgabe der jüdischen nationalen Mittelschule in Polen, ihren Zöglingen allgemeine, wie auch jüdische Mittelschulbildung zu sichern, worunter genaue Kenntnis der hebräischen Sprache und Kultur, sowie der sonstigen jüdischen Lehrfächer (Bibel, jüdische Geschichte, Palästinakunde, Statistik und Demographie der Juden, teilweise auch Mischna und Talmud) zu verstehen ist, die Jugend im Geist der unbedingten Verbundenheit mit dem eigenen Volkstum, mit der hebräischen Sprache und mit Palästina zu erziehen, in ihr gesundes polnisches Bürgerbewußtsein zu wecken, sowie die Erziehung zur Arbeitsgesinnung und zu einer auf der Ethik des Judentums basierenden Moral anzustreben. In dieser Formulierung tritt das eminent nationale Programm der Schulen klar zu Tage, die sich als Pioniere einer tiefen nationalen Gesinnung betrachten. Diese Aufgabe ist freilich nur sehr schwer lösbar. Es heißt vorerst das Lehrprogramm für jüdische Fächer entsprechend auszubauen und in den Mittelpunkt des Schullebens zu rücken. Nach gründlichen, auf jahrelangen Erfahrungen begründeten Untersuchungen wurde dieses Programm (für hebräische Sprache und Literatur, für Bibel und für jüdische Geschichte) als der erste bahnbrechende Versuch auf diesem Gebiet fertiggestellt und im Ausmaß von 10 Stunden wöchentlichen Unterrichts auch von den staatlichen Schulbehörden gebilligt. Die Aufsicht über diesen Unterricht obliegt besonderen Inspektoren; in der Mehrzahl der Schulen sind auch spezielle Reifeprüfungen für jüdische Fächer eingeführt worden, von deren Ablegung die Zulassung zur staatlichen Reifeprüfung abhängt. So wird denn auf diesem Gebiet trotz aller Hindernisse ernst und unermüdlich gearbeitet und es wurden schon manche gewichtige Erfolge erzielt. — Dagegen ist es im gegenwärtigen Augenblick wohl kaum möglich, sich über die Bedeutung und weitere Entwicklungsmöglichkeiten des