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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 299

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Das jüdische Schulwesen in Polen
Date
1931-01-01
Page
Seite 299 (sequence 8)
Language
German
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299 auf dem Gebiet des Lehrprogramms für Mittelschulen und Lehrer- Seminare gemacht, obwohl in dieser Richtung eine andere Organisation, auf die wir bald zurückkommen, bahnbrechend geworden ist. Anderseits wurden 4 Lehrerseminare begründet, von denen das älteste in Wilna bereits 10 Jahre besteht und über 100 Lehrer für die hebräischen Volksschulen entlassen hat. So wird denn heute in allen Tarbutschulen bereits tüchtig daran gearbeitet, den Gegensatz zwischen Judentum und Menschentum aus der Welt zu schaffen und ein einheitliches harmonisch aufgebautes Erziehungssystem zu begründen. — Doch sind gerade in dem System der hebräisch-nationalen Er- Ziehung noch andere Schultypen zur Ausbildung gelangt, die den Tarbutschulen wohl ihre nationale moderne Einstellung, sowie ihr Streben nach Wiederbelebung der hebräischen Sprache entlehnt haben, doch infolge mannigfacher Ursachen diese Sprache nicht als Unterrichtssprache für die allgemeinen Lehrfächer benützen, sondern an ihrer Stelle die polnische bzw. die jiddische Sprache eingeführt haben. Diese Unterrichtsanstalten werden als utraquistisch (zweisprachig) bezeichnet1. Die hebräisch-polnische Schule ist sich der Zwiespältigkeit ihres Wesens in den meisten Fällen bewußt und sucht sie zu überwinden. Sie bedeutet bloß eine Uebergangserscheinung zum Typus der rein hebräischen Schule und ist als solche durch die Notwendigkeit einer zweckmäßigen Bekämpfung des mechanischen Assimilationsprozesses bedingt. Im Gegensatz dazu sanktioniert die jiddisch-hebräische Schule den auch durch sie erkannten Status der Vorherrschaft des Jiddischen im jüdischen Volksleben in Polen; sie versucht es gar nicht, sich dieser Tatsache irgendwie zu widersetzen, ist vielmehr bestrebt, im Rahmen des durch die Suprematie des Jiddischen gegebenen Tatbestandes der hebräischen Sprache den vom nationalen Standpunkt aus gebührenden Platz zu sichern. — Der polnische Typus der utraquistischen Schule ist in der Hauptsache auf das Mittelschulwesen beschränkt (doch gibt es z. B. 11 Volksschulen der Warschauer jüdischen Kultusgemeinde dieser Art mit 1842 Schülern und Schülerinnen). Von etwa 50 jüdischen Mittelschulen in Polen gehören dem polnisch-utraquistischen Typus 31 Schulen mit 6022 Schülern an, von denen wiederum 23 mit 4870 Schülern sich in eine einzige Organisation, den ״Verband der jüdischen gesellschaftlichen Mittelschulen in Polen", mit einer ganz klaren ideologischen Einstellung zusammengeschlossen haben. Auch diese Schulen sind fast sämtlich in der Kriegszeit und in den nächst- 1 Daß wir lediglich diese Schulen und nicht auch das Schulwesen der Orthodoxie als utraquistisch bezeichnen, hat seinen guten Grund darin, daß es lediglich diese Schulen sind, denen ihre Zweisprachigkeit als ein Bestandteil der Problematik ihres Wesens fühlbar geworden; ist. Die Zweisprachigkeit der orthodoxen Erziehungsanstalten ist dagegen etwas ganz Zufälliges und gewissenmaßen bereits durch ihren religiösen Charakter bedingt. Die Orthodoxie ist nämlich weit davon entfernt, die hebräische Sprache als eine lebendige Sprache anzuerkennen, sie sieht in ihr umgekehrt die heilige Sprache des religiösen Lebens, die durch den alltäglichen Gebrauch nicht entweiht werden darf. Die Wahl der polnischen Sprache als Unterrichtssprache war für sie also etwas ganz natürliches, durch die fundamentale Scheidung zwischen Alltag und Sabbath gegeben, während sie bei den nationalen utraquistischen Schulen nur aus der tatsächlichen Zwiespältigkeit ihres Wesens zu erklären ist.

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