Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Polen
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 297 (sequence 6)
- Language
- German
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297 dürftig gebildeten oder (insbesondere in den letzten Jahrzehnten) in einer fremden Kultur aufgezogenen Frau, eine Verschiedenheit, die zu endlosen Tragödien im jüdischen Familienleben führte, hat schließlich auch die Orthodoxie dazu bewogen, einer jüdischen Er- Ziehung der weiblichen Generation ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. So soll denn die Bet-Jakobschule ihren Zöglingen eine ziemlich umfangreiche jüdische Bildung (hebräische, in einigen Fällen auch jiddische Sprache, Bibel, Geschichte, die religiösen Grundsätze des Judentums, etwas jüdische Gesetzeskunde, insgesamt 12 Stunden wöchentlich) verschaffen. Die Lehrerinnen in diesen Schulen werden in einem eigenen Lehrerinnenseminar (begründet 1920 in Krakau) erzogen, das bisher 150 Absolventinnen entlassen hat, von denen ein Teil auch als Religionslehrerinnen in den staatlichen Volksschulen für jüdische Kinder Unterkunft gefunden hat, was einigermaßen zur Hebung dieses völlig verwahrlosten Unterrichts beiträgt. Die Unterrichtssprache in allen Bet-Jakobschulen, wie übrigens auch in der überwiegenden Mehrzahl aller anderen orthodoxen Schulen ist polnisch für die allgemeinen und hebräisch für die jüdischen Fächer. — Ein viel weiter gehender Versuch, das Schulwesen bei Beibehaltung der religiösen Grundeinstellung an moderne Erziehungsformen anzupassen, wurde seitens der polnischen Misrachibewegung durch Gründung einer eigenen Schulorganisation ״Jabne“ (1927) gemacht, die gegenwärtig 65 Schulen (darunter 4 Mittelschulen) mit 5686 Schülern und 334 Lehrern umfaßt. Das Lehrprogramm dieser Schule ist im allgemeinen ziemlich getreu dem Lehrplan der entsprechenden staatlichen Anstalten (Volks- bzw. Mittelschulen) nachgebildet und unterscheidet sich von ihnen bloß durch eine allerdings sehr weit gehende (22—23 Stunden wöchentlichen Unterricht) Berücksichtigung der jüdischen (in der Hauptsache der religiösen) Fächer. Es wird hier somit eine Kombinierung des allgemeinen mit dem religiösen Unterricht angestrebt, die beide als gleichwertig angesehen werden sollen. Auch hier wurde ein besonderes Lehrerseminar begründet und darüber hinaus auch der Versuch gemacht, eine rabbinische Lehranstalt mit umfangreichem Lehrprogramm für allgemeine Fächer ins Leben zu rufen(Rabbinerseminar ״Tachkemoni“, begründet in Warschau 1920 mit dem Lehrprogramm eines humanistischen Gymnasiums). Auch hier ist die Unterrichtssprache polnisch für die allgemeinen und hebräisch für die jüdischen Fächer. — Eine völlig neue Welt öffnet sich vor unseren Augen, wenn wir das Gebiet des hebräisch-nationalen Schulwesens betreten. Dem geistigen Abbröcklungsprozeß, der an den Existenzgrundlagen der Volksmassen in Polen nagt, sucht das hebräische Schulwesen nicht durch Festhalten an überlieferten Kultur- und Lebensformen, sondern durch Schaffung einer modernen, im Geist der jüdischen nationalen Renaissance aufgebauten Schule Einhalt zu tun, deren Mittelpunkt die hebräische Sprache als eine lebendige Volkssprache bilden soll. Der Kampf für die Wiedergeburt der hebräischen Sprache symbolisiert hier sozusagen den geistigen Erlösungsprozeß. Hebräisch ist somit in diesen Schulen (wenigstens in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle) nicht bloß Unterrichtssprache, sondern darüber hinaus auch ein wesentlicher Bestandteil des Lehr״