Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das jüdische Schulwesen in Polen
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 296 (sequence 5)
- Language
- German
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296 gegenstände gerichtet. Doch wäre es verfehlt, daraus etwa den Schluß ziehen zu wollen, als sei dieses Schulwesen nach außen hin jedweden pädagogischen Erwägungen unzugänglich. Die Theoretiker des Erziehungswesens der Orthodoxie suchen im Gegenteil an die neuesten geistigen Strömungen insbesondere im Westen anzuknüpfen, die mit dem historischen Materialismus gebrochen haben und mehr auf das Romantische, also auch auf das Religiöse gerichtet seien. Es gelte nur diesen Losungen auch in Osteuropa zum Durchbruch zu verhelfen, wo die Geister noch ziemlich fest im Materialismus verankert seien und die Gefahr der Geist- und Gottlosigkeit auch die jüdische Bevölkerung eminent bedrohe, um so mehr als deren materielle wie auch moralische Grundlagen durch die Verwüstung des Weltkriegs und das mit ihm verbundene Märtyrertum aufs tiefste erschüttert worden seien. Das orthodoxe Schulwesen soll diesem geistigen Zerbröcklungs- und Entartungsprozeß durch Wiederbelebung und Stärkung des traditionellen Erziehungssystems Vorbeugen, das indes in manchen Beziehungen umgestaltet, in erster Reihe aber durch allgemeine Unterrichtsfächer ergänzt werden müsse, schon deswegen, um den Anforderungen der staatlichen Schulbehörden entgegenkommen zu können. So wurde denn in den meisten Schulen der Unterricht der ahgemeinen Fächer in einem ziemlich beschränkten Umfang (2—3 Stunden täglich) eingeführt, und es wurde auch auf die technischen Anforderungen des modernen Schulwesens in vielen Fällen Rücksicht genommen. Die Regierung hat sich denn auch mit diesem Zustand zufrieden erklärt und stellt den Besuch dieser Schulen der Erfüllung der obligaten Volksschulpflicht gleich. Dagegen ist in den Jeschiboth (mit einer einzigen Ausnahme der ,,Metiwta“ in Warschau) der Unterricht der allgemeinen Fächer bis zum heutigen Tage streng verpönt. Wie weit aber auch hier der Gedanke einer modernen hygienischen und Baueinrichtung der Schule eingedrungen ist, beweist das glänzende Beispiel der großen, im Jahre 1924 begründeten ,, Jeschibat Chachme Lublin“, einer nach allen Grundsätzen der modernen Technik und Hygiene eingerichteten Lehranstalt mit einem Internat für 500 Bachurim, mit eigenen Küchen-, Eß- und Waschräumen und mit der größten Bücher- Sammlung der Welt aus dem Gebiet der Halacha (gegenwärtig über 10 000 Bände). Ganz besonders beachtenswert sind die durch die Orthodoxie auf dem Gebiet der Mädchenerziehung bisher gemachten Fortschritte. Im Jahre 1917 wurde in Krakau die erste orthodoxe Mädchenschule ,,Bet Jakob“ mit 30 Schülerinnen begründet, heute sind es bereits 111 mit 14 930 Schülerinnen, die einen ganz eigenartigen Versuch im Rahmen des jüdischen Schulwesens in Polen darstellen. Eigenartig schon wegen der ideologischen Grundlagen, auf denen diese Schulen aufgebaut worden sind. Die Orthodoxie ist natürlich noch immer weit davon entfernt, eine Gleichstellung von Mann und Frau insbesondere auf dem Gebiet des Geisteslebens anzuerkennen. Indessen ist schon längst der Grundsatz aufgegeben worden, als ob die Er- Ziehung der Frau eine zweitrangige Sache wäre, um die man sich nicht weiter zu kümmern braucht. Die abgrundtiefe Verschiedenheit zwischen dem meist talmudisch hochgeschulten Mann und der not-