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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 295

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Das jüdische Schulwesen in Polen
Date
1931-01-01
Page
Seite 295 (sequence 4)
Language
German
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295 und ein ganz bestimmtes (nationales oder religiöses, manchmal auch soziales) Programm. ־— Aus der großen Anzahl der daraus resultierenden Richtungen seien zunächst drei herausgegriffen, die das jüdische Schulwesen in Polen am stärksten kennzeichnen: Die religiös-orthodoxe, die nationalhebräische und die jiddischistische. Die erstere sucht das jüdische Erziehungswesen in Polen auf denselben Grundlagen aufzubauen, auf denen es im Lauf der Jahrtausende des jüdischen Lebens bis fast auf die allerneueste Zeit beruht hatte: auf der altjüdischen religiösen Tradition. Von dieser Tradition soll der Inhalt ganz, die Formen soweit als möglich übernommen werden. Im Gegensatz dazu sucht die national-hebräische Bewegung an den Prozeß der nationalen Wiedergeburt, wie er insbesondere im Zionismus zum Vorschein gekommen ist, und an die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Kultur anzuknüpfen, übernimmt aber sonst die modernen Schul- und Erziehungsformen, die nur einigermaßen der besonderen Lage des jüdischen Lebens angepaßt werden. Den Grundsatz einer vollständigen Loslösung von alten jüdischen Lebens- und Kulturformen predigt dagegen die dritte Richtung, die jiddischistische, die ihren weltlichen wie auch radikal-gesellsch aftli chen, halbsoziali stischen Charakter betont und das jüdische Erziehungswesen auf der jiddischen Sprache und Kultur, wie auch auf der jüdischen Renaissance in Polen aufzubauen sucht. An diese drei Hauptrichtungen knüpft eine ganze Reihe von Kompromißbildungen an, die es ebenfalls zu einer selbständigen Bewegung und eigenen Erziehungsinstitutionen gebracht haben. So gibt es noch ein anderes religiöses, jedoch den modernen Bedürfnissen mehr Rechnung tragendes System, auch innerhalb des nationalen hebräischen Schulsystems sind Kompromißinstitutionen in bezug auf die Unterrichtssprache zur Ausbildung gelangt, und schließlich hat sich letztens auch das jiddischistische Schulwesen gespalten, nachdem gewisse Gruppen, die die antihebräische und antipalästinische Ein- Stellung dieses Schulwesens nicht mitzumachen vermochten, ihren Austritt erklärt hatten und an die Gründung eigener Erziehungs- Institutionen mit prozionistischem Charakter schritten. — Die Gesamtorganisation der orthodoxen (wohlgemerkt nur der organisierten: denn die privaten religiösen Erziehungsinstitutionen, in erster Reihe die Chedarim, in denen bis zum heutigen Tage mehrere Zehntausende jüdischer Kinder unterrichtet werden, sind durch keine Statistik erfaßbar) Schulen Polens ,,Choreb“ umfaßt gegenwärtig 256 Talmud-Tora-Schulen mit 32 493 Schülern, 143 Chedarim mit 17 907 Zöglingen, 70 Jeschiboth mit 7981 Hörern und 111 Mädchenschulen (als ,,Beth-Jakobschulen“ bezeichnet) mit 14 930 Schülerinnen, zusammen also eine imposante Zahl von 580 Erziehungsinstitutionen mit 73 311 Schülern und Schülerinnen, die alle anderen jüdischen Schulorgänisationen in Polen weit überflügelt, wenn auch in Betracht gezogen werden muß, daß so manche dieser Lehranstalten (in erster Reihe alle Jeschiboth und die allermeisten Beth-Jakobschulen) sich bloß auf die jüdischen Lehrfächer beschränken. Die Erziehung in all diesen Schulen ist eine streng religiös-orthodoxe und in der Hauptsache auf die religiösen Lehr-

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