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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 294

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Das jüdische Schulwesen in Polen
Date
1931-01-01
Page
Seite 294 (sequence 3)
Language
German
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294• aus Ersparungsgründen geschlossen und die Jugend gezwungen, die allgemeinen Volksschulen zu besuchen, wo von einer Berücksich־ tigung jüdischer Interessen natürlich keine Rede sein kann. Was Wunder denn, daß die jüdische Bevölkerung Polens auf dieses Unrecht fast instinktiv durch Meiden der Staatsschulen reagiert, daß der Anteil jüdischer Kinder in staatlichen Volksschulen bedeutend geringer ist als bei den anderen Teilen der Bevölkerung und noch mehr fallen würde, wenn nicht die schwere Wirtschaftsnot große Teile der Bevölkerung zwänge, ihre Kinder in die staatlichen Volks־ schulen zu schicken, wo der Unterricht unentgeltlich oder fast unentgeltlich erteilt wird, indes für den Unterricht in privaten Lehr־ anstalten zumeist ein ziemlich hohes Schulgeld entrichtet werden muß. Noch schlimmer sieht es auf dem Gebiet des Mittelschulwesens aus, da hier nicht nur von einer Berücksichtigung jüdischer Interessen keine Rede ist, sondern den jüdischen Schülern gegenüber auch ein numerus clausus angewendet wird. Bloß im alten Galizien besteht die aus österreichischen Zeiten herrührende Gleichberech־ tigung auf diesem Gebiet weiter fort, in allen anderen Teilen des Landes werden den Juden bei der Aufnahme in die staatlichen und die städtischen Mittelschulen die allergrößten Schwierigkeiten gemacht. Der Anteil der jüdischen Schüler in den staatlichen und städtischen Mittelschulen (10,4 bezw. 8,9 %) ist daher geringer als der allgemeine Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung im Lande, und würde noch um vieles mehr fallen, wenn man Galizien außer acht ließe. So ist denn die überwiegende Mehrzahl jüdischer Mittelschüler in Polen (auf die Gesamtzahl von 45 381 sind es 33 761, also 74,7%) gezwungen, private Lehranstalten zu besuchen. Die staatliche Mittelschule ist übrigens in noch stärkerem Maße dem jüdischen Lehrer unzugänglich. Unter 4469 Lehrern in den Staatliehen Mittelschulen gibt es kaum 122 Juden (2,6%), aber auch von diesen sind 110 in Galizien tätig, wurden also in der überwiegenden Mehrzahl noch von den österreichischen Behörden angestellt. Man kann sich die Verhältnisse wahrlich kaum trauriger vorstellen. Doch wäre es sicherlich eine große Einseitigkeit, wenn man die Entstehung des jüdischen Schulwesens in Polen bloß auf die Tat- Sache der Entrechtung der Juden auf diesem Gebiet zurückführen wollte. Die jüdische Schule in Polen wurde nicht bloß als eine Bildungsinstitution ins Leben gerufen, sie ist darüber hinaus noch dazu bestimmt, im Prozeß des geistigen, wie auch des wirtschaftlichen Wiederauflebens der jüdischen Volksmassen im Lande eine bedeutende, in manchen Fällen sogar eine entscheidende Rolle zu spielen. So versuchen denn die verschiedensten Strömungen im polnischen Judentum ihr eigenes Schulwesen zu begründen,, um auf diese Weise das Volksleben in ihrem Geist beeinflussen zu können. Von diesem Standpunkt aus wird sowohl die bedeutende ideologische und organisatorische Zersplitterung, wie auch die starke Verknüpfung zwischen Schule und Volksleben verständlich, die das jüdische Schulwesen in Polen kennzeichnet. Von reinen Erziehungsinstitutionen kann hier kaum die Rede sein, die Erziehung ist fast immer tendenziös im Sinne einer Einstellung auf eine ganz bestimmte Weltanschauung

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