Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 284 (sequence 20)
- Language
- German
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284 der Teppichmusterung, Wolkenbehandlung u. ähnl., unterscheiden sich die Merianstiche in der Haggadah von 1712 von denen der Ausgabe von 1695 hauptsächlich in der Schattengebung und in der Faktur der Strichlagen. Die Schatten liegen häufig auf der entgegengesetzten Seite/ die Beleuchtung ist auf Kontrastwirkung gestellt, und zwar wird der Vordergrund, werden die frontalen Flächen stark beschattet, wodurch eine reichere Abstufung der Ton werte in den rückwärtigen Zonen ermöglicht wird. Das Tempelbild, die Gestalt des gespenstisch durch den Schlagschatten verlängerten David sind entschieden wirkungsvoller, als in der Ausgabe von 1695. Wir wissen nicht, wer der Stecher ist, der die Platten für die neue Ausgabe geschaffen hat. Sollte es derselbe Abraham bar Jakob1 sein, der die Bilder des Merian nachgestochen hatte, warum hat er es versäumt, seinen Namen auf dem Titelblatt zu vermerken, wie das in der Ausgabe von 1695 geschehen ist. Zwischen den beiden Ausgaben liegen 17 Jahre, sie sind in verschiedenen Verlagen erschienen; die Aenderungen in der Behandlung der Beleuchtung lassen auf ein anderes Künstlertemperament und eine geübtere Hand schließen. Unverändert, daher auch mit dem Namen des Abraham bar Jakob versehen, ist bloß die Palästinakarte geblieben. Wie sich der Jüdaisierungsprozeß in der neueren Haggadah- Illustration weiter vollzogen hat, ist ein Thema, das über den Rahmen einer Betrachtung des Weges ״von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah“ hinausgeht. In unserem Zusammenhänge aber verdient noch eine Amsterdamer Ausgabe der ״Haggadah mit den Merianschen Stichen“ beschrieben zu werden, die die Schwenkung zur Volkskunst auch im technischen charakterisiert. Wüßten wir nicht, daß die Amsterdamer Kupferstichhaggadah von 1695 auf Meriansche Vorlagen zurückgeht, so wären wir leicht versucht gewesen, diese sehr späte, erst 1765 erschienene, aber in Holzschnitt ausgeführte Haggadahillustration für die ursprüngliche zu halten. Die ganze Entwicklung hätte durch diese Umkehrung der Tatsachen ein vollkommen anderes Gesicht bekommen. Man hätte vermuten können, daß es einen inzwischen verschollenen Holzschnittzyklus gegeben hat, der eben nur in späteren Versionen erhalten geblieben ist. Angesichts des Merianschen Werkes aber erscheint diese Deutung des Entwicklungsherganges unmöglich. Erst entstand die Stichfolge in der Haggadah von Amsterdam, nachher die Holzschnittfolge. Ein Verlag, der besonders auf Ausgaben mit jüdisch-deutscher Ueber- Setzung eingestellt war, Herz Levi Rofe (Naftali Herz ha-Levi, Arzt, aus Emden) und dessen Schwiegersohn Koßmann besorgten diese Ausgabe. Es ist das die Nr. 115 der Bibliographie von S. Wiener. 1 Zu der von Alb. Wolf aufgeworfenen Frage, ob Abraham bar Jakob nicht Proselyt gewesen ist, sei noch bemerkt, daß die Signatur des Abraham bar Jakob auf dem Titelblatt zu Horowitz, Schene Luchot ha-Berit, 169S — einem Stich des Künstlers, auf den Wolf bereits hinwies, — diese Annähme nicht bestätigt. Im Gegenteil, die Abbreviatur ״ba’r“ (י(ב״ר wie sie dort geschrieben ist, besagt nach freundlicher Mitteilung von Herrn Jehoschua Gutmann, der die Signatur nach dem Exemplar des Rabbiner-Seminars in Berlin überprüft hat, daß Abraham ,,Sohn des Rabbi“ Jakob war. Diese Titulatur bezeugt, daß er von einem jüdischen Vater stammte.