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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1931-01-01 · Heft 4 · p. Seite 279

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
75 (1931)
Issue
Heft 4
Article
Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
Date
1931-01-01
Page
Seite 279 (sequence 15)
Language
German
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279 gesehen haben, was Wunder, daß die Haggadahillustration in ihrer Entwicklung auf Holbein wiederholt zurückgriff, ihn aufs neue verarbeitete. Die Dinge liegen jedoch anders, der Illustrator der Amsterdamer Haggadah gelangt zu Holbein nicht selbständig, sondern durch die Vermittlung eines Interpreten, er braucht die Holzschnitte von Holbein in den Icones und in den fünf Büchern Mosis gar nicht gekannt zu haben, er kannte nur Merians Nach- Schöpfung bez. Schuts Kopien nach Merian im Kupferstich. Die Beziehung der Amsterdamer Haggadah zur Holbeinbibel war schicksalhaft insofern nur, als Holbein die Bibelillustration ein Jahrhundertlang beherrschte, und die Haggadahillustration, die aus bestimmten Gründen ihre Vorbilder bei der christlichen Bibelillustration suchen mußte, wiederholt auf ihn stieß. Die Haggadahillustration ist der Ableger der jeweiligen Christliehen Bibelillustration. In keiner Haggadah ist aber die Abhängigkeit eine so bedingungslose, wie in der Amsterdamer Kupferstichhaggadah. Und gerade diese Haggadah sollte in Mittel-, und Osteuropa die meiste Verbreitung finden. Sie wurde neu aufgelegt, im Holzschnitt nachgebildet, im Klischeedruck vervielfältigt, von Buchmalern kopiert. Der Weg, den die entlehnte, nach fremden Mustern geschaffene Illustration in der Haggadah zurücklegte, ist der Weg von der zünftigen Kunstproduktion zur Volkskunst, und es ist reizvoll zu beobachten, wie hier Volkskunst entsteht; aus fremder Form durch Vergröberung der Ausdrucksmittel einerseits, aber auch durch volkstümliche Adaptierung des Stofflichen. Ansätze zur Judaisierung des Stoffes finden wir schon in der Ausgabe von 1695. Nur darf dort keine Umgestaltung erwartet werden, die durchgreifende Aenderungen im Kompositionellen voraussetzt. Die Reduzierung der Zahl der an der Tafel sitzenden Männer auf fünf im Bilde der Weisen in Bnei Brak, das aus der Josefszene umgewandelt wurde, würde wohl eine solche einschneidende Bearbeitung bedeutet haben, daher auch entfernt der Stecher nur die im Hintergründe sichtbaren Köpfe, läßt die vorderen Figuren unverändert. Dafür erhalten aber die Männer, auch die Dienerschaft, Kopfbedeckung, wie sich das für fromme Juden gehört, und die Szene wird in eine Nachtszene verwandelt, wie das der Stoff erfordert. Wie bewerkstelligt der Stecher nun diese Verwandlung? Kerzen werden in die Krone gesteckt, Leuchter auf dem Fußboden, wo der Wein steht, und auf dem Serviertisch aufgestellt, die Fenster werden geschlossen, der Ausblick ins Freie beseitigt. Durch die Verlegung der Lichtquellen nach dem Innern werden Aenderungen in der Verteilung von Licht und Schatten erforderlich: Die Schlagschatten, die bei Merian durch das seitlich einfallende Tageslicht bedingt sind, werden entfernt. Jedoch, wo es sich darum handelt, die Licht- und Schattenwirkungen im Raume zu zeigen, die von den künstlichen Lichtquellen erzeugt werden, versagt der Künstler. Seine Kenntnisse der Schattenprojektionstheorie sind unzureichend, und so beschränkt er sich in der Hauptsache darauf, die Kerzen mit einem ovalen Lichtschein zu umgeben. Im Uebrigen ist die Schattengebung willkürlich.

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