Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829980-2836921--50590-2836996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
278 mußten aber überlieferungsmäßig charakterisiert werden, und so suchte er sich die Figuren von überall zusammen. Amüsant ist ״das Kind, das nicht zu fragen weiß“, denn die Figur dazu bot ״Hannibal, der den Römern ewige Feindschaft schwört“ aus Merians Stichfolge zur alten römischen Geschichte1. Nicht ohne Witz ist der ״Tarn“, das einfältige Kind, der in den Icones des Merian Teil II fol. 55 der von Samuel gesalbte Saul ist. Mit geneigtem Kopf auf seinen Stab gestützt steht er scheinbar hilflos da, in Wirklichkeit aber, um das Salböl nicht vorbeitropfen zu lassen. Der ,,Böse Sohn“ ist ein Krieger aus der Stichfolge zu der biblischen und der profanen Geschichte und der ״Kluge Sohn“ ist mit einigen Abänderungen in der Haltung der Arme eine Gestalt aus dem Hannibaibild, oder vielleicht auch die getreue Kopie einer anderen Vorlage aus dem immensen Opus des Merian Verlages. Auch der ״Moses, der den Aegypter erschlägt“ ist dem Zyklus zur römischen Geschichte entnommen, es ist das eine Kopie des Stiches: ״Remus wird erschlagen“. Den figürlichen Schmuck der Palästinakarte, z. B. die kleine Jona-Komposition, finden wir bei Merian in mehreren etwas abweichenden Varianten. Auch die Figuren aus der Szene der Gesetzgebung entstammen Matthäus Merian, und es ist bemerkenswert, daß die Juden dort in türkischer Tracht erscheinen, wie wir sie auf einem Bilde ״Bajazet II gibt ein Banquett“ und in der ״Belagerung Konstantinopels“ sehen. Neben der überwiegenden Zahl von Bildern, die der Haggadahillustrator unverändert, vollständig oder im Ausschnitt, Stichen des ,Merian entnommen hat, sehen wir bei ihm nur wenige Bilder, die einige Abweichungen von diesen aufweisen. Die AmsterdamerHaggadah von 1695 ist somit nichts anderes als die Haggadah mit den Meriansehen Stichen. Sie ist in einer Anzahl von Exemplaren erhalten geblieben. Jedoch noch zahlreicher vertreten ist die spätere Amsterdamer Ausgabe, der bei Salomo Proops 1712 erschienene Druck, der sich von der Ausgabe des Moses Wesel sowohl in der Gestaltung des Bilderkreises (und zwar durch wesentliche Ergänzungen) als auch in der Faktur unterscheidet. Die vergleichende Betrachtung der beiden Ausgaben eröffnet einen Ausblick in die Fortentwicklung der Haggadah-Illustration im 18. Jht., die das Meriansche Erbe nicht bloß hütet, sondern auch ausbaut. Die Amstefdamer Kupfer stichhaggadah von 1 712. Nachdem es feststeht, daß die Illustration der Haggadah von 1695 Stichen des Merian entnommen ist, erscheint das Verhältnis derselben zur Bibelillustration des Hans Holbein in einem anderen Lichte. Es lag nahe anzunehmen, daß dieses Verhältnis auf einer gewissen Tradition aufgebaut war. Schon die Haggadah von Mantua wies ja einen Holzschnitt aus Holbeins ״Icones“ auf, wie wir es 1 Ein Exemplar derselben besitzt das Kupferstichkabinett.