Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
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277 darstellung nicht scheute, nachzuweisen. Die Haggadah hat, wie es scheint, schon immer (für das Mittelalter war es erwiesen) Anregungen aus der zeitgenössischen landläufigen Bibelillustration empfangen, hat sie mehr oder weniger selbständig verarbeitet. In der Amsterdamer Haggadah ist das Maß der Selbständigkeit allerdings gering. Schon die erste Szene mit den Weisen in Bne Brak ist buchstäblich aus Merian übernommen. In den Icones biblicae* Teil 1, fol. 77 stellt sie allerdings Josef und seine Brüder dar. Jetzt verstehen wir auch, warum das Bild nicht genau zu dem haggadischen Stoff paßt. Kleine Abweichungen sind übrigens darin nachzuweisen, jedoch sind sie nicht stilistischer Art. Es fehlt die Aussicht ins Freie durch die drei Fenster m Hintergrund, die Stadtvedute, mit der Merian so gern paradiert; die Fenster sind geschlossen. Die Findung Mosis ist keine genaue Kopie der gleichnamigen Szene auf fol. 81 der Icones, dafür ist Moses und Aaron vor Pharao unverändert von fol. 85 übernommen. Das gleiche gilt für die Froschplage von fol. 87, für das Pessachmahl, von fol. 89 und für das Tempelbild von fol. 98, das in der Haggadah sich nur durch das Fehlen, der Staffage-Figuren unterscheidet. Unwesentliche Abweichungen bietet der ,,Untergang der Aegypter“, die darauf zurückzuführen sind, daß als Vorlage nicht der Stich aus den Icones, sondern der etwas veränderte Stich aus einer Bilderfolge des Merian zur biblischen und profanen Geschichte benutzt worden ist1. Dieser Kupferstichfolge ist auch ,,Abraham und die drei Engel“ entnommen. Die Rekonstruktion des Tempels in den Icones ist vielleicht nicht von Merian selbst geschaffen, sie ist insofern bemerkenswert, als sie bereits den Langhaustyp zeigt. Salom Italia sticht den Tempel Salomonis nach den Entwürfen des Jacobo Jehuda Leone viel später. Der Langhaustyp wird wohl auf eine größere Reihe von Rekonstruktionsversuchen zurückgehen, die den Zentralbautyp jedoch nicht verdrängen konnten. Die ältere Vorstellung vom Tempel, den man sich in der Gestalt der Omarmoschee, nämlich als Kuppelbau dachte, weil die Kreuzfahrer diese Moschee für den alten Tempel gehalten hatten, findet man sowohl in christlichen, als in jüdischen Darstellungen vor, ein Thema, das hier nicht weiter behandelt werden kann. Der betende König David der Haggadah ist der Zöllner aus dem Bilde Pharisäer und Zöllner, das im Teil II fol. 75 sowie im 3. neutestamentlichen Teile der Icones des Merian enthalten ist. Der Haggadahstecher hat die architektonische Staffage und die kniende Figur beibehalten und nur den lustwandelnden Pharisäer weggelassen. Kleine Veränderungen erblickt man in der hinzugekommenen Leier auf der Altarstufe und dem Psalmenbuch auf dem Altartisch, das Ruach Hakodesch (Heiliger Geist) in der Strahlenglorie über dem Altar ist aber auch einer Vorlage des Merian entnommen, dieses Motiv, und zwar sogar mit hebräischen Lettern, verwendet der basier Stecher vielfach. Es ist besonders interessant zu sehen, wie der Haggadahillustrator bei dem Bilde der vier Söhne verfahren ist. Hier stand ihm keine passende Vorlage zur Verfügung. Die vier Gestalten 1 Ich benutze das Berliner Exemplar.