Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2829132-2829975-2829980-2836921--50588-2836994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
276 geschickte gerade darin sehen zu müssen, daß der Basler Künstler so manche seither verschollene oder zerstörte Arbeit des Holbein.d. J. in seiner Heimatstadt, studieren konnte und;durch seine Nach־ Schöpfungen erhalten hat. Er spricht die Vermutung aus, daß Merian die Kupferplatten zu den fünf Büchern Mosis bereits in Basel vor der Frankfurter Zeit gestochen hat. Für uns gewinnt Merian eine besondere Bedeutung, weil wir in seine# Bibelbildern das Vorbild der Amsterdamer Haggadah gefunden haben. Man kann manchmal von einer sogar heilsamen Verschüttung von Kulturwerten und Erkenntnissen sprechen; im Falle der Amster־ damer Haggadah ist die Verkennung der Zusammenhänge um so sonderbarer, als die Icones biblicae, oder noch mehr die spätere Ausgabe ,,Die gantze Hl. Schrift“ ein ungemein volkstümliches Buch gewesen ist. Die Meriansche Bibel ist in unzähligen Auflagen und Ausgaben erschienen, zuletzt mit lithographierten Bildern, ganze Generationen in Deutschland sind mit ihr aufgewachsen. Goethe spricht im ersten Buch von ,,Wahrheit und Dichtung“ von der dick־ leibigen Bilderbibel des Merian. Daß sie den Weg nach Holland gefunden hat, braucht uns nicht zu überraschen. M. Merian hatte sich in den Niederlanden bereits 1616 aufgehalten. Das Querquartformat der Icones1 soll, wie Burckhardt ausführt, gewählt worden sein, weil es in Holland beliebt war. Mit seinem knappen dreisprachigen Text (lateinisch, deutsch und französisch) war das Werk sicherlich in erster Linie für den Export bestimmt gewesen. Folioformat erhielt erst die spätere Ausgabe, die vollständige Hl. Schrift, die deutsche Lutherbibel2, in 'die die Bilder der drei Teile der Icones als Textillustration aufgenommen wurden. Beide Ausgaben, Quart und Folio, erschienen später auch in Holland, und zwar die Icones mit sechssprachigem, darunter flämischem und holländischem Text. Die Kupfer dazu wurden nach Merian von Pieter Hendricksz Schut, der um 1650—60 wirkte, nachgestochen3. Man wird zur Erklärung des Einflusses der Merianschen Bibel auf die Haggadahillustration geltend machen wollen, daß der ihr eigene puritanisch-protestantische Geist, der sich besonders in der Vermeidung von Darstellungen Gottes äußert, — an seiner Stelle sehen wir den Namen Gottes in hebräischen Lettern in der Strahlenglorie, — dem jüdischen Geist verwandt war. Dieses Moment mag gewiß von Bedeutung gewesen sein, jedoch sind in den Holzschnitthaggaden der Renaissance Entlehnungen auch aus der Holbeinbibel, die die Gottes־ 1 Der erste Teil ist 1625, der zweite 1626 und der dritte 1630 in Straß bürg bei Zetzner erschienen. Teil I und II in einem Band befindet sich im Kupferstichkabinett, Teil III in der Preuß. Staatsbibliothek. 2 Bei Zetzner 1630 erschienen. Ein Exemplar befindet sich in der Preuß. Staatsbibliothek. 3 Die holländischen Ausgaben sind hei Nicolaus Visscher erschienen. Die Universitätsbibliothek Breslau besitzt ein Exemplar der Quartausgabe, das weder Druckort, noch Druckjahr aufweist. Die Universitäts-Bibliothek Göttingen besitzt ein Exemplar der Folioausgabe, gedruckt in Amsterdam, ohne Jahr.