Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
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274 Holbeinsche Turm zu Babel wiederholt sich in der Architektur der Fronstadt Ramses. Sogar die Karte Palästinas am Schluß hat ihr Gegenstück bei Holbein: das Bild der Stiftshütte, um die sich die israelitischen Stämme, jeder unter seinem Zelt, lagern. Kompositioneil besteht zwischen den Kupferstichen der Amsterdamer Haggadah und Holzschnitten aus den beiden Bibelbilderzyklen des Holbein eine unverkennbare Beziehung, stilistisch sind sie jedoch sehr verschieden. Die Frage ist, ob es möglich sein wird, nachzuweisen, daß die Amsterdamer Haggadah tatsächlich von der Holbeinbibel abstammt, denn es können ihr auch andere Quellen zu Gebote gestanden haben. Wir wissen, daß Holbein die Kompositionen zu seiner Bibelillustration nicht selbst geschaffen hat. Seine erste Folge geht auf die Kölner Bibel des Heinrich Quentel um 1479 zurück; die zweite verrät Abhängigkeit von Italien. Die deutsche Bibelillustration hat ferner den oberitalienischen Holzschnitt beeinflußt. Es soll hier nicht die Frage der Priorität aufgerollt werden, für uns ist von Bedeutung, daß als Vorlage für den Abraham, der das Götzenbild zerschlägt, noch am ehesten Kain, der den Abel erschlägt, mit den im Hintergrund sichtbaren Altären der Brüder in Frage kommt, ein Holzschnitt aus einem venezianischen Druck — Bergomensis, Supplementum Chronicarum, I4861. Kompositionen verwandt sind die Bilder der Haggadah mit Moses vor Pharao, dem Wandgemälde des Benozzo Gozzoli am Campo Santo in Pisa, mit dem Untergang der Aegypter des Cosimo Rosselli in der Sixtinischen Kapelle, auch mit Abraham und den Engeln eines Raffaelschülers in den Loggien des Vatikans. Der Bilderkreis wurde zuerst einmal in der venezianischen Malermi-Bibel 1492 im Holzschnitt schematisiert, nachher in den Stichen des Marc Anton u.a. nach den Schöpfungen der Generation des Raffael vervielfältigt, verflacht. Wenn dann hundert Jahre später und mehr ein Künstler den angesammelten Formenschatz verwendet, so ist es nicht leicht, den Knäuel von Einflüssen zu entwirren. Die Frage, ob die Amsterdamer Haggadah sich die deutsche oder die italienische Version der Bilder zu eigen gemacht hat, ist nicht mit aller Entschiedenheit eindeutig zu beantworten, wenn auch so manches Bild, besonders das Pessachmahl recht deutsch (im Sinne gotischen Stilgefühls) wirkt und für deutsche Ueberlieferung *spricht. Auch aus der kulturhistorischen Situation ergibt sich die Lösung nicht einwandfrei. Die jüdischen Druckereien setzten im 17. Jht. in Amsterdam die italienische Tradition fort, deren Träger besonders die Sefardim waren. Zu beachten ist jedoch, daß unsere Haggadah sowohl für den Sefardischen als auch für den Aschkenasischen Ritus bestimmt ist. Betrachten wir die voraufgegangenen Holzschnitthaggaden, so beobachten wir schon dort eine eigentümliche Kreuzung deutscher und italienischer Einflüsse. Die Prager Haggadah von 1527 und die Mantuaner von 1560 charakterisieren diese'Mischung. Ohne auf diese beiden Bilderhaggaden näher einzugehen, möchte ich nur darauf 1 Leo S. Olschki, Le Livre Iihisträ au 15© s. Florenz, 1926, Fig. 216.