Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 2)
- Language
- German
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270 tatsächlich von einer Haggadah und nicht von einer Bibelbilderfolge herrühren, — erbringen den Beweis, daß die Prager Haggadah nicht die älteste Holzschnitthaggadah ist. Die Prager Haggadah von 1526/7 wurde 1926 in Faksimile von Benzion Katz und Heinr. Löwe (Monumenta Hebr. 1) herausgegeben. Ich verweise ferner auf meinen Aufsatz über die Haggadah״ illustration in der Encyclopaedia Judaica, B. 7, mit Bildern. Die Amsterdamer Kupferhaggadah von 1695. Indem wir uns der Betrachtung der Haggadah mit Kupfer״ Stichen zuwenden, setzen wir voraus, daß der Bildefkreis der illuminierten handschriftlichen Haggaden bekannt ist. Die der Amsterdamer Kupferhaggadah vorangehenden Holzschnitthaggaden erfordern besondere Behandlung; soviel sei vorausgeschickt, daß sich ihr Bilderkreis stofflich und formal im großen und ganzen dem der handgemalten Haggaden des 15. Jhts. anschließt. Die Forschung hat erwiesen, daß die mittelalterliche figürliche Haggadahillustration von der christlichen Bibelillustration ausgegangen ist, von der sie sich erst mit der Zeit emanzipierte1. In meinem Aufsatz über die Haggadahillustration in der Enc. Jud. habe ich neuerdings auf die Existenz eines älteren Darstellungskreises hingewiesen, der aus den ornamental aufgefaßten Pessachsymbölen des Mazzah und des Maror bestanden hat. Diesem liturgischen Kern des Haggadahbilderkreises wurde die figürliche Illustration aufgepfropft. Die Haggaden übernehmen den christlichen Pentateuchzyklus als Anhang, als etwas Fremdes, bauen aber gleichzeitig die liturgischen Symbole, die mit figürlichen Elementen durchsetzt werden, im Textteil aus und übertragen schließlich die biblischen Bilder, soweit sie zum Thema der Haggadah gehören, in den Text, während die übrigen biblischen Bilder, d. h. der ganze Anhang wegfällt. So entstand etwas vollkommen neues: der Bilderkreis der Haggadah. In den spanischen Haggaden geht noch im 14. Jht. häufig beides nebeneinander her: die Textillustration und der Bilderanhang. In den Aschkenasi sehen Haggaden hingegen ist der Prozeß der Durchdringung und Ausgestaltung des Bilderkreises vollzogen. Die Ent- Wicklung findet auch in den Büdertiteln Ausdruck. Früher sind es dem Pentateuch entnommene Zitate, später Glossen zur Haggadah. Die Illustration der Amsterdamer Haggadah bedeutet im Sinne der voraufgegangenen Entwicklung einen überraschenden Rück- 1 J. v. Schlosser hat dies besonders am Beispiel der Haggadah von Sarajewo, einer spanischen Hs. des 14. Jhts., im gleichnamigen Werk gezeigt. Ich habe diesen Entwicklungsgang in Illuminated Haggadahs, Jewish Quarterly Review, XIII, 1922, an den spanischen Haggaden verfolgt, die ich teilweise anders als Schlosser datiert habe. In der ״Darmstädter Haggadah“ von B. Italiener, A. Freimann und August Mayer, wo meine Korrekturen berücksichtigt worden sind, sieht man die weitere Entwicklung am Aschkenasischen Material besonders deutlich. Die Entlehnungen aus dem christlichen Bibelbilderkreis brauchen nicht auszuschließen, daß es in hellenistischer und frühbyzantinischer Zeit einen jüdischen Bibelbilderkreis gegeben hat. Jedoch wird er sich im islamischen Kulturkreise derart zurückgebildet haben, daß die Juden in Spanien im 13. Jht. bei der christlichen Bibelillustration An- Schluß suchen mußten.