Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 75 (1931)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die wissenschaftliche Talmudpflege der neueren Zeit [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 267 (sequence 27)
- Language
- German
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267 der Gesamtmenschheit ein friedliches Nebeneinandersein und ungestörte Lebensmöglichkeiten zu sichern? Streng genommen sollte jede einzelne dieser ethischen Kräfte diese Gewalt besitzen. Praktisch gesehen steht aber die Sache anders. Liebe ist von Haus aus nicht universalistisch. Ihr Prinzip ist Ungleichheit. Man beachte z. B. die naturgegebenen graduellen Abstufungen der Liebe vom eigenen Kinde bis hinaus zum Stammesfremden und Landesfremden. Will man 'Liebe erziehungsmäßig oder künstlich universalisieren, ihr ein Gleichheitsprinzip aufnötigen, so muß man die Gerechtigkeit zu Hilfe nehmen, in deren Wesen es liegt, jedem das seinige zuzugestehn, zu geben und zu schützen. ,,Gerechtigkeit ist das unumgängliche fundamentale Prinzip für ein erfolgreiches Funktionieren der schon vorhandenen Liebe/* Der psychologische Teil der Studie wird im Verfolg der Abhandlung mit Belegen aus Talmud und Midrasch gestützt. Der Verfasser zeigt tiefes Verständnis für sein Problem. Er kennzeichnet schon im Titel ״Gerechtigkeit und Judentum im Lichte der Gegenwart“ Zweck und Richtung des Buches. Wir schließen mit einem Wort Kaufmann Köhlers, dessen Namen der vom Verfasser gewonnene Preis trägt: ״Nun, ich möchte als Theologe die Liebe nicht missen, aber ich verlange als Jude erst Ge rechtigkeit und. dann Liebe“ (Cohen-Festschrift480) Die zweite Schrift behandelt den Schutz des Schwachen im Talmud (Protection of the Weak in the Talmud by Mordeeai Katz, B. Lit.; A. M.; Ph. D. New York, Columbia University Press 1925). Es bildet den 24. Band der Columbia University Oriental Studies. Die Ueberschrift zeigt bereits den Zweck des Buches. Es faßt in wenigen Kapiteln all das zusammen, was alt jüdischer Geist auf sozialem Gebiet geleistet hat. Dem Verfasser ist es gelungen, in knapper Zusammenfassung all das zu geben, was der Talmud zum Schutz der gesellschaftlich schwächer gestellten auf dem Wege von Gesetzesbestimmungen und Wohlfahrtsinstitutionen geschaffen hat. Die sozial Schwachen teilen sich in 8 Gruppen:!.*freie Arbeiter, 2. nichtjüdische Sklaven oder Sklaven schlechtweg, 3. jüdische Sklaven, richtiger Diener, die für mehrere Jahre entweder freiwillig oder behufs Tilgung durch Diebstahl entstandener Schuld in den Dienst Anderer traten, 4. Minderjährige, 5. Frauen, 6. Schuldner, 7. Mieter, 8. Arme. Diese 8 Gruppen erschöpfen gleichsam die für die talmudische Zeit ernstlich in Betracht kommenden Schwachen. Der Verfasser geht auf vergleichswissenschaftliche Untersuchungen nicht ein, trotzdem eine solche Studie für das talmudische Zeitalter sehr lohnend gewesen wäre; es würde auch einen stark erweiterten Rahmen in Anspruch genommen haben. Aber auch in gegenwärtiger Form hat das Buch seine wissenschaftliche Bedeutung und wird jedem willkommen sein, der sich für die sozialethische Gesetzgebung und Wohlfahrtsarbeit des Talmuds interessiert. Das Buch schließt mit einer Bibliographie der Schriften, die für unser Thema hauptsächlich in Betracht kommen. Die von Ch. J. Kassowski unternommenen Konkordanzarbeiten nehmen einen erfreulichen Fortschritt. Die Mischna liegt bereits